Zweiter Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 7. April 2013


Lesung: Offb 1,9-11a.12-13.17-19

Evangelium: Joh 20,19-31


Berührt – begriffen – ergriffen


Der Apostel Thomas will begreifen, begreifen durch Berührung. Deswegen wird er nicht getadelt, sondern Jesus, der Auferstandene, kommt ihm entgegen. Aber nicht sozusagen auf freiem Feld, sondern im Kreis der Jünger. So ergänzt die eine Erfahrung die andere.

Wenn wir meinen, wir müssten den Finger in die Wunde legen, dann sind wir aktiv ausgerichtet. Wer bin ich, wenn ich mir zutraue, den Finger in die Wunde zu legen?

Das tut dem anderen weh. Zudem muss ich mir bewusst sein, dass es mir selbst weh tun kann, insofern der Finger, den ich in die Wunde anderer Mitmenschen lege, mit meinem Herzen verbunden ist.


Ist nun der Osterglaube, der Glaube an die Auferstehung der Toten, das alles Entscheidende am Christentum? Damit ist der Finger auf die Wunde gelegt.

Die ausgestreckte Hand des Schöpfers in der Sixtinischen Kapelle in Rom gilt dem Adam, dem Menschen aus Erde. Die beiden Finger berühren sich nicht. Jetzt drehen wir den Gestus um. Der Mensch ist sich seiner Erdverfallenheit, seines Todes, bewusst und sucht nach dem Ausweg. In welche Richtung geht es zum Ausweg aus dem Staub des Todes?


Wir können unseren Finger ausstrecken in alle Richtungen und wir würden uns schließlich im Kreis drehen, „hätte uns nicht der Erlöser gerettet“ (Exsultet).

Aus diesem Um-sich-selbst-Drehen in den existentiellen Fragen kann uns nur der Erlöser erlösen. Er übernimmt die Verantwortung und tritt in die Mitte. Dieses In-die-Mitte-Treten ist auch die Antwort auf die Frage, warum der Erlöser selbst sterben musste, um zu erlösen. Was haben wir als Menschen dem Herrgott seine Art und Weise der Erlösung vorzuschreiben? Wir dürfen es so annehmen, wie es geschehen ist. Wie wir sehen, brauchten auch die Apostel selbst den Zutritt des Auferstandenen „von außen“, damit sie „ganz drinnen“ in ihrem Herzen glauben konnten.


Dem Apostel Thomas kommt nun der Herr auf besondere Weise entgegen. Er lässt sich von ihm den Finger in die Wunde legen. Der göttlichen Aktion des Auferstandenen entspricht die menschliche Aktion des Thomas. Beide sind auf ihre Weise wesentlich aktiv. Da gibt es keine passive Untätigkeit.


Das heißt doch: Wir können die Auferstehung Jesu Christi nicht begreifen, wenn wir die Hände in den Schoß legen und hinterm Ofen sitzen bleiben. Die erste „Berührung“, die wir brauchen, die notwendig ist, die unsere Not wendet, die unsere Angst vor dem Tod nimmt, ist die Berührung mit der Gemeinde.


Wir dürfen uns so verhalten wie der Apostel Thomas und sagen: Ich glaube nicht, es sei denn …

Aber wer den Auferstandenen persönlich erfahren will, der muss dabei sein und zu den Aposteln kommen – so wie wir jetzt zu den Aposteln gekommen sind, deshalb brennen die Kerzen an den Apostelkreuzen.

Inmitten der Kirche, die auf das Fundament der zwölf Apostel und der Propheten gegründet ist, wollte und will und wird sich der Herr offenbaren, damit die ganz tief bis ins Herz gehende Ostererfahrung von Herz zu Herz ausgetauscht und kommuniziert werden kann.


Inmitten der Gemeinde, die wesentlich verbunden ist mit dem Kreis der Apostel, will der Herr sich je neu und immer wieder berühren lassen, so viel und so oft es für den Einzelnen notwendig ist, um seine persönliche Not des Glaubens an die Auferstehung zu wenden. Dann kann der Einzelne auch aktiv das Heft des Glaubens selbst in die Hand nehmen und von der unverbrüchlich zugesagten österlichen Zukunft her sein Leben aktiv bestimmen und herzlich gestalten.


Alle Wundmale Jesu haben ihre Mitte in dem Wundmal seines Herzens. Strecken wir als österliche Menschen immer wieder je neu unsere Hand nach der Seite Jesu aus und trinken wir aus dieser Quelle göttlicher Barmherzigkeit, diese Quelle, die in alle Ewigkeit nie mehr versiegen wird.


Pfarrer Karl Enderle

 

zurück