Hochfest Christi Himmelfahrt, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 9. Mai 2013


Lesung: Eph 1,17-23

Evangelium: Lk 24,46-53


Gesteigerte Nähe


Kann es sein, wenn jemand nicht mehr da ist, dass er uns umso näher sein kann?

Wir Menschen haben ein Bedürfnis nach Nähe – und zwar nach einer Nähe, die nicht mehr verloren geht.

Wenn Jesus zum Vater heimkehrt, dann wollte er seine Nähe zu den Jüngern nicht aufgeben. Auch die Jünger wären sicher enttäuscht gewesen. Sie haben in Jesus Christus Gott selbst erfahren – und nun entfernen sich Gott und Mensch wieder voneinander.


Was die Jünger durch Jesus erfahren haben, das hat sie so grundlegend gewandelt, dass es nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Deswegen brauchen sie als Konsequenz eine gesteigerte Nähe, welche den abwesenden Jesus umso mehr gegenwärtig werden lässt, damit sie die Zeit überbrücken können, bis er wiederkommt. Jesus ging weg, heim zum Vater, dort thront er zur Rechten des Vaters und ruht am Herzen des Vaters, von dort wird er wiederkommen.


Wie wird diese Entfernung Christi zu den Seinen überbrückt und in Nähe gewandelt?


Das Evangelium hat es anschaulich geschildert: „Jesus erhob seine Hände und segnete sie.“

Segen zu spenden wird zum Schlüssel, um die Nähe Gottes zu vermitteln. Zwischen dem Vater und uns befindet sich Jesus und zwischen Jesus und uns finden wir im Segen seine Gegenwart. Denn als er sie verließ und zum Himmel emporgehoben wurde, segnete er sie. Im Segnen bewegt er sich heim zum Vater. Doch dieser Segen ist kein Abschiedsgestus, sondern ein Gestus, der den Jüngern die Gabe von oben vermittelt, Gottes heiligen Geist. So gestärkt, können sie allen Völkern seine Auferstehung und die Vergebung der Sünden verkünden.


Bei der Erfüllung dieses Auftrags erfahren sie eine größere Nähe als vorher. Wer den Auftrag Jesu erfüllt, ihm nachfolgt und ihn dadurch umso mehr braucht, darf im Heiligen Geist seine Gegenwart als gesteigerte Nähe und wirksame Hilfe erfahren.


Die Kirche insgesamt ist also seither die Garantin, dass die Nähe Jesu Christi gewährleistet bleibt und niemals mehr verloren geht. Dadurch wird der sakramentale Charakter der Kirche deutlich, denn die Erfahrung Jesu Christi ist unwiderruflich und die Gemeinschaft mit ihm unauflöslich.


Wenn also Gott allen Menschen nahe sein will, dann ist es nur logisch und konsequent, dass der Christus Gottes kraft seiner Auferstehung nicht mehr räumlich gebunden ist an seine irdische Existenz und ein bestimmtes Land. Im Heiligen Geist ist die Nähe Christi so präsent, dass sie jedem Menschen zu aller Zeit gegenwärtig werden kann. Je mehr Menschen den Auferstandenen erfahren, desto näher kommen wir uns und desto mehr vereint uns der Glaube an ihn.


Wenn Jesus sagt: „Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15,9), dann bedeutet das zugleich: Bleibt in meiner Nähe.

Von daher hat die Kirche vor allem den Auftrag zu segnen und die Menschen anzuleiten, füreinander ein Segen, ja, ein Stück Himmel auf Erden zu sein.


Pfarrer Karl Enderle

 

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