Eucharistiefeier am 4. Sonntag im Jahreskreis,
Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 31. Januar 2010

 

Einführung

Mittlerweile feiern wir schon den vierten Sonntag im Jahreskreis. Er liegt zwischen dem dritten und den fünften, zwischen dem vergangenen und dem nächsten Sonntag. Heute, 31. Januar 2010, sind wir ein Stück unseres Lebensweges unterwegs. Der heutige Sonntag bildet ein Wegstück unseres Glaubens. Dieser Lebens- und Glaubensabschnitt heute ist Stückwerk, auch unser Gottesdienst jetzt; er gelingt uns immer nur zum Teil, nie ist er vollkommen.

 

Kyrie

Herr Jesus, Stückwerk sind die Werke unserer Werktage.

Herr Jesus Christus, Stückwerk sind die Gottesdienste unserer Sonntage.

Herr Jesus, Stückwerk sind die Anstrengungen unserer Lebenstage.

 

Lesung: 1 Kor 12,31-13,13

Evangelium: Lk 4,21-30

 

Ansprache: „Starkes Stück“

 

Für die Leute in Nazaret war das schon ein „starkes Stück“, wie Jesus auftrat. Wir empfinden es als „starkes Stück“, dass die Einwohner seiner Heimatstadt ihn deshalb den Abhang des Berges hinabstürzen wollten. Gleichzeitig geben wir zu, dass es uns beeindruckt, wie Jesus hier „mitten durch die Menge hindurchschreitet und weggeht“.

 

Einfach stark, wie Jesus da auftritt! So im Nachhinein mag uns das schon souverän vorkommen. Am Anfang seines öffentlichen Auftretens war das sicher ein wichtiger Mosaikstein seiner Botschaft. Ein Mosaikstein fügt sich als Stückwerk neben den anderen.

So wie die bunten Glassteine der Kirche St. Maria hier (in Michelfeld).

So wie die Mosaiksteine auf der Darstellung des Antlitzes Christi hier in St. Peter und Paul (in Westheim).

So wie die Mosaiksteine auf der Chorwand hier in Christus König, die den Weltenherrscher darstellen.

 

Wunderbar platziert sich ein Steinchen neben dem anderen und im schönen Nebeneinander ergeben sie ein Gesamtbild. Wenn man direkt davorsteht und ganz nahe herangeht, erkennt zwar man den einzelnen Stein ganz genau, nicht mehr aber das Gesamte.

 

Deswegen braucht es den notwendigen Abstand und den Überblick auf viele Mosaiksteine unseres Glaubens. Manche Steinchen glänzen, manche nicht, sie bilden aber dennoch zusammen eine Einheit und beeindrucken sich gegenseitig. Das wechselnde Licht und unser eigener Standpunkt verändern immer neu den Glanz, welcher auf der Oberfläche spiegelt.

 

So ist auch jeder unserer Tage anders, und es gibt einen Alltag nicht wirklich. Man kann viele Bücher schreiben über die Veränderungen eines Tages zum anderen. Aber jeder unserer Lebenstage ist dazu geeignet, Licht zu empfangen und weiterzugeben. Das äußere Licht spiegelt sich auf der Oberfläche, das innere Licht spiegelt sich auf dem Grund der Seele.

Das Tageslicht nimmt ab und nimmt zu, das Licht Christi strahlt in unsere Seele und bleibt, nimmt zu und bleibt.

 

Das Volk Gottes ist in dieser Hinsicht ein wunderbares Mosaik mit vielen, vielen wunderbaren Steinchen. Insgesamt macht das den lebendigen, auferstandenen Christus aus. Das pilgernde Volk Gottes ist ständig in Bewegung und von daher leuchtet das Antlitz Christi auf ihm täglich neu.

 

Auch Jesus bedient sich in seiner Belehrung der Arbeitsweise für ein Mosaik. Für die Heilstaten Gottes nennt er das Beispiel der Witwe in Sarepta bei Sidon und die Heilung des Syrers Naaman. Die begnadete Rede Jesu erntet zunächst „bei allen Beifall“. Aber als er sich selbst sogar als Prophet bezeichnet und ihnen ihr gegenwärtiges Glaubensmosaik entgegenhält, schlägt die Stimmung um in pure Aggression. Jetzt brauchte Jesus einen Weg zwischendurch, einen Ausweg bzw. einen Fluchtweg.

 

Liebe Mitchristen, zwischen den einzelnen Mosaiksteinchen gibt es immer einen sinnvollen Abstand, auch wenn er je nach Technik manchmal ganz gering ist. Erinnern wir uns auch an die Schattenfuge bei der Innenarchitektur. Schattenfugen und ein Dazwischen sind immer menschlich notwendig. Wir brauchen Auswege und „Fluchtwege“. Trotzdem leuchtet das Antlitz Christi auf der Kirche, zu der wir gehören. Die Liebe, welche bleibt und die größte ist, kennt viele Ausnahmen, vermutlich so viele wie es Menschen gibt.

Aber umso mehr leuchtet der einzelne Mosaikstein als Stückwerk für das Ganze.

 

Deshalb ist unser Tun im Glauben, deswegen sind unsere Taten zur Auferbauung der Gemeinde gerade nicht umsonst, sondern als Stückwerk wichtiger und bleibender Bestandteil des Glaubens. „Wenn das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk“, sagt der Apostel Paulus. Es geht über ins Bleibende.

 

Das Stückwerk wird vorbeigegangen sein. Jedes „Stück Glauben“ empfängt seine Vollendung, jedes Teil seine Ganzheit. Vom heutigen Evangelium spannt sich ein großer Bogen bis hin zum Kreuz. Derjenige, der damals souverän hindurchschritt, hat sich später aufs Kreuz legen lassen. In voller Sympathie zum Menschsein hat Jesus von Nazaret sein öffentliches Auftreten mit zwei wichtigen Aussagen beendet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Das gilt auch rückwirkend für die Bewohner in Nazaret!

Zweitens: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30). Das gilt für alle!

Ein starkes Stück!“

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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