Predigt am 2. Sonntag der Österlichen Bußzeit, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 28. Februar 2010

 

Erste Lesung: Gen 15,5-12.17-18

Evangelium: Lk 9,28b-36

 

Der vergangene strenge Winter hat manchen Greifvogel geschwächt oder verenden lassen. Manche Tierschützer haben deshalb an bestimmten Plätzen Fleischstücke ausgelegt, bitte keine Speise- oder Schlachtabfälle, sondern etwa ein Rinderherz zerkleinert. Auf diese konnten Bussarde oder Milane herabstoßen.

In früheren Zeiten wurden sie „Raubvögel“ genannt. Ich bin mir sicher, bei einer neueren Bibelübersetzung wird man das Wort „Greifvögel“ wählen.

 

Zur Zeit Abrams, also vor rund dreieinhalb Jahrtausenden, gab es sehr viel mehr Wild und dementsprechend viel mehr Greifvögel, die innerhalb des Naturkreislaufs sofort verendete Tiere entdecken konnten. Im gehörten Fall wollten sie sich der Tieropfer Abrams bemächtigen, als dieser einen archaischen Beduinenbrauch des Vorderen Orients vollzieht.

Im Grunde geht es darum, sich der Verheißungen Gottes zu vergewissern. Rufen wir uns ins Gedächtnis: Abram hieß Abram, er war als alter Mann noch kinderlos und bekam die Verheißung von Gott, Abraham, also „Vater der Menge“, zu heißen: „So zahlreich – wie die Sterne am Himmel – werden deine Nachkommen sein!“

 

Zurück ins Heute: Ohne Ökumene geht heute fast nichts mehr, aber es gibt ja nicht nur zwischen evangelisch und katholisch die notwendige Ökumene, sondern in der Diskussion über die monotheistischen Religionen spricht man auch von der möglichen „abrahamitischen Ökumene“. Judentum, Christentum und der Islam berufen sich auf Abraham, zu dem der eine Gott gesprochen hat.

Soweit zum aktuellen Hintergrund der heutigen Lesung.

 

Diese bezieht sich auf die Situation, als dieser kinderlose Mann von Gott Nachkommen zugesagt bekommt und zwar so zahlreich wie die Sterne am Himmel, die niemand zählen kann.

Wir haben zwar den Eindruck, dies zu glauben, sei für ihn zunächst wie selbstverständlich: „Abram glaubte dem Herrn, und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.“ Doch genauer betrachtet, meint diese Formulierung: Er glaubte dem Herrn!, dass er Gott als Gott glaubt, nicht irgendetwas oder irgendwem, sondern aufgrund seiner Verankerung in Gott, hält er sich ganz an ihm fest.

 

Gleichzeitig verlangt er ganz menschlich einen Erweis, ein Zeichen für die Zusage Gottes an Land und Nachkommen. Heutzutage würde man unterschriebene Originalverträge austauschen.

Bei Verträgen, die zwischen Menschen und Staaten abgeschlossen werden, stellt sich dann immer auch die Frage: Was ist eigentlich „dazwischen“? Wer steht über dem Vertrag, wer wacht über den Vertrag?

 

Gott offenbart sich durch die Zeichen der jeweiligen Zeit, er spricht die Sprache der zeitgenössischen Konventionen und so gibt sich Gott dem Abram zu erkennen bei einem damals üblichen Ritual.

Wenn damals ein wichtiger Vertrag geschlossen werden sollte, schlachtete man Tiere, zerschnitt sie in zwei Hälften und legte die Teile in zwei Reihen nebeneinander. Die Vertragspartner schritten in der Mitte durch die geteilten Tierleiber hindurch und hatten dabei eine brennende Fackel in der Hand. Das sollte ihre gute Absicht bekräftigen und war höchste Selbstverpflichtung und zugleich Selbstverfluchung für den Fall, dass man abtrünnig und untreu sein würde. Dann sollte es dem Vertragsbrüchigen genauso ergehen wie den Tieren; er sollte zum Aas werden und verkommen. Abram ist zutiefst davon berührt, dass Gott sich diesem schaurigen Ritual unterwirft. Er schlachtet die Tiere und erfüllt alle Anweisungen Gottes. Dann wartet er gespannt, was geschehen werde. Da stürzen Raubvögel vom Himmel hernieder und bedrohen das Ganze. Alles scheint zu Ende zu sein, ehe es recht begonnen hat. Abram will retten, was noch zu retten ist, und verscheucht die lästigen Vögel. Aber er kommt nicht weit damit. Statt aller eigenen Aktivität fällt er in einen Tiefschlaf. – „Ironie des Schicksals“, möchte man sagen: Mit Abram soll das Größte geschehen: Gott selbst schließt mit ihm einen Bund, und er verschläft die ganze Sache. Die Chance ist verspielt. – Oder doch nicht? Gott ist offenbar immer noch am Werk. Abram erlebt in seinem Tiefschlaf eine Vision. Er sieht einen „rauchenden Ofen“ und eine „lodernde Fackel“ zwischen den Tierstücken hindurchfahren und weiß: Gott ist tatsächlich durch die Gasse gegangen! Er hat den Bundesschluss vollzogen; er ganz allein. Damit hat Gott die Totalgarantie übernommen für diesen Bund, während der Partner Abram ohnmächtig (wie in Narkose) vor sich hindämmert. Abram wird deshalb auch keine eigene Verpflichtung für diesen Bund auferlegt. Nur Gott verpflichtet sich. Abram braucht nichts zu tun als das eine: Er soll glauben. Er soll sich an Gott festhalten, genauso wie sich Gott an ihn festgebunden hat in der Gasse zwischen den Tieren. Und tatsächlich gilt auch jetzt wieder von Abram: Er glaubte.“

Das heißt für uns: „Wo menschliche Erfahrungen uns heute keine Hoffnungen mehr zeigen, wo wir wie gelähmt sind und nicht mehr weiterkommen, wo unsere Erwartungen und Sicherheiten zerrinnen, will Gott unsere ganze Zukunft sein. Er allein und ganz! Sich auf diesen Gott einzulassen heißt glauben. Deshalb ist die Geschichte mit Abram nicht etwas längst Vergangenes, sondern etwas höchst Aktuelles. Es geht dabei um uns selbst, dass wir uns festmachen in Gott und uns ganz in seine Hand geben.“

 

Wir müssen heute keine Greifvögel mehr wegscheuchen, aber in heller Wachsamkeit aufpassen, dass uns niemand die Beziehung zu Gott wegnimmt oder unsere Hingabe stört. Zudem brauchen wir auch keine Angst zu haben vor dem Schlaf. Womöglich versetzt Gott uns in einen Schlaf, weil er das Werk tun will.

Als Abram (wie damals Adam vor der Erschaffung der Eva) ohnmächtig im Tierschlaf lag, wirkte Gott das Entscheidende und begründete den unverbrüchlichen Bund.“

 

Gottes Werkstück ist sein Volk, ja, sind wir!

Wer vermag uns etwas zu rauben,

wenn wir wachsam sind und bereit, auf Gott zu hören?

Wir können nicht verloren gehen, wenn wir glauben.

Gott hat seinen Bund mit den Menschen unwiderruflich gemacht.

 

Fürbitten

 

Herr Jesus Christus, du hast dich geoffenbart als der geliebte Sohn des Vaters im Himmel. Wir schauen zu dir auf und bitten dich:

  • Herr, hilf uns glauben!

Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

 

  • Herr, hilf uns glauben

und stärke unseren Glauben!

Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

 

  • Herr, hilf uns glauben,

stärke unseren Glauben

und zeige uns den Glauben!

Christus, höre uns! A: Christus, erhöre uns.

 

 

Herr und Gott, immer sind wir auf dem Weg des Glaubens durch die Zeit. Doch immer können wir deiner Nähe und Gegenwart gewiss sein.

Dafür danken wir heute – und in Ewigkeit. Amen.

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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