Predigt am Palmsonntag (Vorabendmesse), Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 27. März 2010


Evangelium: Lk 19,28-40


Wie kommt der Evangelist überhaupt darauf, dass die Steine schreien können?
Ist es denn „zum Schreien“?

Jeder hat mitbekommen, wie viel Aufmerksamkeit der kleine Eisbär Knut im Zoo von Berlin bekommen hat: ganz viel Sympathie für so ein noch kleines wunderbares Lebewesen.
Ausgewachsen gehört er zu den größten Landraubtieren der Erde. Seinen Artgenossen in der Arktis geht es nicht besonders gut. Gestern Abend kam in Pro7 der Film „Unsere Erde“. Zum Schluss wurde der Schriftzug eingeblendet: „Wenn die Klimaerwärmung in diesem Tempo weitergeht, bedeutet das Jahr 2030 das sichere Aus für die letzten noch wild lebenden Eisbären.
Wie üblich würde auch dieser Film von mehreren Werbeblocks unterbrochen. Und komisch, dass vor allem viel Werbung für das Auto gesendet wurde. Wer wird den ungleichen Kampf gewinnen?

Jesus hat seine Jünger nicht zum Schweigen gebracht. Sie jubelten mit einem Palmzweig in der Hand oder mit ihren Kleidern auf der Straße: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn!
Mit diesem Jubelruf heißen auch wir Jesus willkommen! Er kommt als König in sein Eigentum. Ihm gehört die Stadt und der Erdkreis, auch die Arktis und die Antarktis, alle Tiere und alle Pflanzen.
Der kleine Palmzweig in unserer Hand ( zeigen) symbolisiert stellvertretend alle Pflanzen. Mit dem Palmzweig in der Hand kann ich keinen Schaden anrichten und verweise auf Jesus. Ohne ihn gäbe es diese Erde nicht! In ihm besteht diese Erde, auf der wir leben und atmen. Aber inzwischen brauchen wir die Atemluft für die vielen Maschinen, für Autos und Flugzeuge und riesige Bagger. Wir überfliegen und überfahren fast alles.

In Doha im Emirat Katar ging am vergangenen Donnerstag die Konferenz zum Artenschutzabkommen zu den Meerestieren zu Ende – ohne Ergebnis. Unter den 175 Vertragsstaaten haben die Fischerei-Nationen alles blockiert. In der Zeitung steht: „Kurzfristige wirtschaftliche Interessen scheinen von größerer Bedeutung zu sein als das Überleben der Arten“ (Haller Tagblatt, 26. März 2010, Seite 2).

Wem gehören die Tierarten der Erde? Für jedes ausgestorbene Tier sind wir Jesus Rechenschaft schuldig. Denn die Artenvielfalt dieses blauen Planeten gehört der Menschheit. Sollen unsere Enkelkinder viele Tiere nur noch im Film sehen können und dann fragen müssen: Warum gibt es die nicht mehr? Was aber der Menschheit insgesamt gehört, gehört eigentlich dem, der alles ins Leben gerufen hat, dem Schöpfer der Welt!

Der Gott und Vater aller Menschen aber hat seinen geliebten Sohn gesandt, auf ihn sollen wir hören (vgl. Mk 9,17). Bei seiner Taufe im Jordan wurde er in das Wasser aller Wasser getaucht. Er hat die Lebewesen in allen Wassern hinzugezogen, um zu erlösen. Auch die Schöpfung insgesamt ist berufen zur Gotteskindschaft. Irgendwie gehört alles zusammen und ohne das Atmen der ganzen Schöpfung kommt der Mensch selbst in Atemnot. Da bleibt einem die Puste weg: „Nachdem der Antrag (auf den nachhaltigen Schutz seltener Meerestiere, u. a. des Blauflossenthunfischs) abgeschmettert wurde, gab die japanische Delegation einen Empfang mit eingeflogenem Blauflossenthunfisch“ (Haller Tagblatt, ebenda).
Also – widersprüchlicher geht’s nicht!

Und wir – wir stehen da als Jünger Jesu mit einem Palmzweig in der Hand.
Wir bekennen uns damit zu dem, der den Sturm gestillt hat (vgl. Mk 4,35-41).
Wenn wir Christen als Christen uns nicht intensiver für den Erhalt der Artenvielfalt einsetzen, um damit Gott und den Menschen zu dienen, wird dies unserem Herrn nicht gefallen. Er gibt uns keine andere Antwort als damals: „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!“ Aber sie reden ja schon, die Felsbrocken und Steine.
In der Arktis gibt es Eisberge, von denen lösen sich Eisbrocken und diese zerbrechen in Eissteine und auf dem Eismeer schwimmen die Eisschollen und ächzen schon. Auch in unseren Breiten knirscht es.

Mit dem Palmzweig in der Hand können wir umso mehr unsere Stimme abgeben für die Schöpfung, für die Jesus den Weg in der kommenden Woche auf sich nahm.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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