Predigt am 1. Adventssonntag, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 29. November 2009

 

Lesung: 1 Thess 3,12-4,2

Evangelium: Lk 21,25-28.34-36

 

Neulich war ich eingeladen zum Kaffee nach der Taufe. Die Gestecke auf den Tischen waren mit Kerzen bestückt. Auf unserem Tisch brannte sie schon. Da kam einer der Gäste und holte sich davon Feuer mit einer anderen Kerze. Er hatte zuvor nicht gefragt, vermutlich deshalb bezeichnete ihn mein Tischnachbar als „Lichtdieb“.

 

Liebe Mitchristen! Gibt es das: einen „Lichtdieb“? Kann man Licht stehlen?

 

Zunächst einmal hätte der Gast ja nur höflich fragen brauchen – und schon wäre alles kein Problem gewesen. Aber abgesehen von dieser Form an Höflichkeit, bleibt dennoch die grundsätzliche Frage nach dem Licht.

Es ist uns wie ein Geschenk gegeben – sozusagen als erstes aller weihnachtlichen Geschenke.

 

Wenn während der kurzen Tage die Sonne durchkommt – die Sonnenstrahlen stecken ja oft im Wolkenstau –, dann freuen wir uns darüber. Das Sonnenlicht ist die erste Hilfe Gottes am Morgen. „Wie das Sonnenlicht am Morgen auch durch trübe Wolken bricht, so, und nicht von ungefähr, kommt von Gott die Hilfe her!“ (GL 838,4).

Das unbezahlbare Tageslicht wird allen Menschen zuteil, und wir sollten darauf bedacht sein, füreinander keine Kulissen aufzubauen, die Schatten werfen.

 

Bricht die Abenddämmerung an, brauchen wir andere Lichtquellen. Vor langer Zeit gab es die Urwälder, im Laufe der Erdgeschichte wurden diese zu Kohle gepresst und durch organische Substanzen entstand das Erdöl und Erdgas. In geringer Menge sind das für uns Lichtquellen, die fossilen Energieträger brennen gut. Nach der Entdeckung der elektrischen Energie können wir inzwischen ganz einfach das Licht an- und ausschalten. Aber auch der elektrische Strom kommt von einer Quelle, die das Netz speist. Die Aufgabe der Technik ist es, die Energie in Licht umzusetzen. Bei den Solarparks ist der Prozess genau umgekehrt: Da wird Lichtkraft in Energie umgewandelt.

 

Alles in allem können wir festhalten: Die Voraussetzungen für das notwendige Licht sind schöpfungsgemäß vorhanden. Der Schöpfer hat ja schon ganz am Anfang das Licht von der Finsternis geschieden (vgl. Gen 1,18).

 

Wenn wir jetzt über die Sonne hinaus all die Milliarden Fixsterne in den Blick nehmen, dann bekommen wir eine Ahnung, wie schier unbegrenzt Energie und Licht im Weltraum vorhanden sind. Die Frage bleibt, wie wir es nutzen können.

 

Liebe Mitchristen! Wenn wir von Gott im Gleichnis reden, dann ist das unendliche Licht da wie Sonne, Mond und Sterne. Und aus der Ferne hören wir schon das Weihnachtsevangelium: „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen“ (Joh 1,5).

 

Im Advent werden wir besonders darauf aufmerksam gemacht, dass wir Menschen das Licht von Gott aufnehmen, ja empfangen und füreinander und miteinander umsetzen können. Nicht zufällig sagt Jesus: „Ihr seid das Licht der Welt!“ (Mt 5,14).

 

Was für die „Schweinegrippe“ als Vorsichtsmaßnahme gilt, ist auf übertragene Weise ein missionarischer Grundsatz: Wir sollen ansteckend sein, leicht entzündbar sein zu Feuer und Flamme für die Botschaft Christi. In diesem Sinn berufenermaßen „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17) zu sein, ist dann unsere Aufgabe. Auch wir können die Finsternis vom Licht scheiden und darin noch vollkommener werden! Auch wenn wir dieses Ideal der Vollkommenheit nicht ganz erreichen, so ist unser Streben doch eine Angleichung an die Zukunft, „wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt“. Das ist das große Ziel!

 

Sehet, die erste Kerze brennt!“ (GL 115,1).

Ich sehe einerseits schon ganz viele „Kerzen“, die brennen – seit der Taufe!

Andererseits vermute ich, dass die Sehnsucht nach Licht bei jedem Menschen ganz groß ist.

 

Wir brauchen keine „Lichtdiebe“ zu sein; es genügt, dass wir darum bitten. Dann wird uns gern weitergegeben, was andere empfangen haben, und auch wir schenken dann gern weiter, was wir selbst empfangen haben. Denn beim Weitergeben von Licht werden wir selbst nicht dunkler, sondern heller.

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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