Predigt am Ostermontag, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 5. April 2010


Evangelium: Lk 24,13-35

begriffen und ergriffen


Man muss die Dinge nur ansprechen und schon erwachen sie zum Leben! Auch ist bekannt, dass man unterwegs besser miteinander spricht als beim Sitzen oder Liegen, also müssen wir aufstehen und dürfen nicht vor dem Fernseher sitzen bleiben. Für das persönliche Osterfest ist es zusätzlich notwendig, miteinander einen Emmaus-Gang zu machen. Den ersten haben wir soeben geschildert bekommen.

Sehr pädagogisch gesellt sich Jesus hinzu, ohne zunächst den Weg der Emmaus-Jünger zu beeinträchtigen.
Auch das Thema, das in der Luft liegt, wird durch sie vorgegeben: „Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.“ Wer der Fremde ist, erkennen sie zunächst nicht. Bei seiner schlichten Nachfrage „Was denn?“ kommt den Zweien die Vergangenheit hoch. Sie erinnern an das unverdauliche Geschehen, dabei nennen sie schon mal Jesus aus Nazaret „einen Propheten, mächtig in Wort und Tat.“ Auch wiederholen und bestätigen sie das Zeugnis der Frauen.
Da wirft der Hinzugekommene den Anker und sagt: Was seid ihr denn so schwer von Begriff?

Vor über dreißig Jahren hat mir gegenüber ein Ausbilder gesagt, es war Oberförster Maier in Ravensburg-Weißenau, ich sei so „begriffsstutzig“. Nach langer Zeit ist mir aufgegangen, warum er das so bemerkt hatte und weshalb es auf mich zutrifft. Bestimmte Worte und Begriffe erwecken bei mir sehr schnell viel Hintergrund. Ich stutze zunächst und werde nachdenklich. Inzwischen habe ich genug Möglichkeiten, das Beeindruckende wieder zum Ausdruck zu bringen und auf dem Papier festzuhalten. Ohne diese Ausdrucksebene würde mir viel fehlen.
Aber in der Verarbeitung des Geschehenen braucht es Jesus. Das gilt grundsätzlich auch für alle aktuellen Probleme der Kirche und in der Kirche.

Der unschuldig Verurteile antwortete vor Pilatus: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme!“ (Joh 18,37).
Im Hören auf die Wahrheit kommen wir jeder Sache näher. Mit Jesus an der Seite erwandern die beiden Jünger die Wahrheit; sie kommt als Auferstehung in ihr Leben. Das Geschehene wird nicht ungeschehen gemacht, aber es wird durch den Austausch der Worte gewandelt. In den Worten selbst ereignet sich ein Perspektivenwechsel.

„So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren.“ Das Licht der Sonne neigt sich gen Abend, die Ahnung eines anderen Lichtes wird heller…
Die Perspektive seiner Worte hat etwas mit ihnen gemacht. Diese wollen sie nicht verlieren und bitten ihn herein.

Dann vollzieht Jesus die ihm ureigene Handlung. „Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen.“
Hier wird das Letzte Abendmahl von ihm selbst neu vollzogen und gegenwärtig gemacht, so dass das einmalige Geschehen für die Jünger in der Zeit wiederholbar vollzogen werden kann. Die Feier der Eucharistie ist damit zur „Wiederhol-Bar“ des Heilandes geworden. „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich“ (1 Kön 19,7) lautet nunmehr die Einladung an uns.

Liebe Mitchristen, manchmal sind Evangelien lang und die Wege weit, aber ist der wirklich so weit, wenn Jesus mitgeht? Kein Weg ist zu weit, nachdem Jesus in seiner Liebe und Lebensmitteilung so weit gegangen ist, uns im Wort und Brot das Leben zu schenken.

Ohne die Feier der Eucharistie können wir Jesus nicht ganz erkennen, richtig ist aber auch, dass wir inzwischen oft den Weg des Wortes abkürzen und gleich einkehren wollen. Emmaus ist aber so weit weg von Jerusalem, wie Gott selbst es bestimmt. Die Christenheit wird durch das eine Wort und das eine Brot zur Einheit gelangen, denn je näher die Wiederkunft Christi heranrückt, desto mehr ist es die dringende Aufgabe einig zu werden.

Die Hilfe Gottes auf dem Weg sind Menschen, die der Herr uns auf dem Weg beigesellt oder ist es selbst?


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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