Predigt am 2. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C, Weißer Sonntag

Schwäbisch Hall, 11. April 2010


Evangelium: Joh 20,19-31

 

Die neue Mitte


Liebe Gemeinde, liebe Mitchristen!

Jetzt haben wir zwar noch Vor-Mittag, aber was machen Sie heute Nach-Mittag?!
So teilen wir den Tag ein, von der Mitte des Tages aus gesehen.
Doch wie dein Tag, so dein Leben!
Hat unser ganzes Leben auch solch eine Mitte?
Was ist überhaupt die „Mitte“?
Ich habe eine Antwort gefunden: „Mitte ist die Summe aller guten Motive; von dort gehen die Impulse aus, die uns in Tätigkeit versetzen und unserem Tun die Richtung geben. Die Mitte ist zugleich das Ziel, das all unser Tun auf sich lenkt. Mitte ist Ausgangspunkt und Zielpunkt zugleich, 'Anfang und Ende'.“1

Liebe Mitchristen! Von welcher Mitte aus lassen wir dieser Definition entsprechend unser Leben bestimmen? Denn – ob uns das so bewusst ist oder nicht – von einer zentralen Mitte aus teilen wir unser Leben ein.
Es leuchtet also ein, dass die Mitte überaus wichtig ist.

Nun kann ich natürlich selbst etwas zum Mittelpunkt machen; das nennt man dann Selbstverwirklichung. Wenn ich selbst etwas in die Mitte stelle, wird deutlich, dass „meine Mitte“ schon besetzt ist. Das bleibt dann ein womöglich kleiner privater Kreis.
Welche Mitte muss es im religiösen Sinn sein, eine Mitte, die alle angeht und untereinander verbindet, eine Mitte, die schließlich ganz weite Kreise zieht?
Es muss doch eine Mitte sein, in der sich Zeit und Ewigkeit überlappen!?
Ja, kann es nicht sogar die Mitte sein, wo die Gotteswunde zum Gotteswunder wird?

Seit Ostern ist uns diese neue Mitte in Jesus Christus persönlich und wunde-r-bar geschenkt.
Jesus tritt in die Mitte des geschlossenen Jüngerkreises. Aus dieser Mitte heraus erschafft der Auferstandene seine Jünger neu: „Friede sei mit euch!“ Aus dieser Mitte heraus sprudelt das neue Leben. Die österliche Zeit der Auferstehung hat die alte Zeit abgelöst. Der Auferstandene ist zum Nabel der neuen Schöpfung geworden.

Die Begeisterung der Jünger wird durch den Zweifler Thomas abgebremst. Im Grunde sagt er eigensinnig: Ich selbst!
Weil aber Christus will, dass alle „Zweifler“ zur Einsicht kommen, wiederholt sich das Ereignis – und Thomas ist dabei!

„Thomas ist einer von uns. Es genügt uns nicht, wenn nur andere von ihrem Glauben erzählen. Das macht den Glauben noch nicht fett, wenn andere begeistert berichten. Thomas steht abseits. Das Glück der anderen geht ihm an die Nieren. Da singen die anderen ihre Osterlieder, und in mir ist noch Nacht. Er will sehen, will in die Seitenwunden greifen, und der Herr lässt das zu. Er führt den skeptischen Thomas liebevoll an der Hand. Der Herr hat Geduld, er versteht die Sehnsucht des Thomas. Der Ort der Erkenntnis ist die Wunde. Eigentlich eine unappetitliche Vorstellung. Wer greift schon gerne in Wunden? Wer rührt überhaupt gerne an alte Wunden? Im Allgemeinen ekeln wir uns davor, Wunden zu betrachten, gar zu berühren... Weg mit den Wunden, wir wollen eine heile Welt. Aber Jesus lässt sich in seiner Wunde berühren. Hier will er erkannt werden. Nicht ein Held, nicht ein Weisheitslehrer, nicht ein erfolgreicher Politiker will hier berührt werden, sondern der Gekreuzigte. Das Evangelium mutet uns zu, alle Verwundungen des Lebens anzunehmen, zu begreifen...
Die Steigerung von Wunde heißt Wunder.“2

Dem Apostel Thomas haben wir es zu verdanken, dass die neue österliche Mitte kreuzes-wunde-r-bar deutlich geworden ist.
Die Steigerung von „Wunde" heißt "Wunder“!
Das Evangelium lenkt durch Thomas unseren Focus auf die Wunde(n) Jesu, so werden wir geführt zum innersten Punkt unserer Erlösung und Heilung und Heiligung, und damit erweist sich der Focus als entscheidendes Moment der Einsicht: Die Finger auf den wunden Punkt legen wollen, diese Absicht ist Ausgangspunkt zur Erkenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“
Die österlich-verklärte leibhaftige Gegenwart Jesu hat den Apostel Thomas jetzt wirklich neu geschaffen. Er ist österlich satt im Sinn von übervoll. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund: „Mein Herr und mein Gott!“
Deshalb bilden sich um den Auferstandenen als Mitte immer weitere Kreise ..., schließlich bis zu uns hier und heute. Ostern ist keine Privatangelegenheit.

Der Mittler vermittelt: Er eint, was auseinander geraten ist und verbindet das Gegensätzliche. Er bringt das Durcheinandergeworfene in Ordnung. Im Kraftfeld dieser österlichen Mitte bekommen alle Menschen und alle Dinge ihre wahre Richtung. Wer diese Mitte hat, wird dadurch selber Mitte und Vermittler für die anderen.

Von diesem Kreis der Apostel ausgehend und nie losgelöst von ihm, schickt der Herr seine Jünger aus, ihn zu bezeugen. Den Anschluss an den Kreis der Apostel finden wir in der Symbolik der Apostelkreuze und Apostelleuchter in jeder katholischen Kirche. Auch wir haben uns jetzt acht Tage nach Ostern wieder versammelt. Zeichen für den Auferstandenen ist die Osterkerze. Sie wurde entzündet am lodernden Osterfeuer in der Osternacht. Sie zeigt uns die einigende Mitte an. Im Auferstandenen wird Zeit und Ewigkeit eins. Deswegen sehen wir auf der Kerze das griechische Alpha und Omega – sie bedeuten Anfang und Ende der Zeit in Christus. Von ihm geht die Botschaft des Lebens aus und bei ihm vollendet sich unser Lebensweg. Damit gibt es nach Ostern nur noch eine Zeit: den ganzen Tag mit Jesus, dem Christus. Es gibt nur noch den österlichen Mit-Tag.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

zurück