Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 9. Mai 2010


Lesung: Offb 21,10-14.22-23


In den vergangenen Regentagen haben wir sie sehr vermisst: die Sonne! Wir haben uns ausgeholfen mit künstlichem Licht; unseren Lichtbedarf haben wir aus der Steckdose gedeckt. Da gibt es viele individuelle Lösungen und der Elektriker kennt sich bestens aus.

Wenn aber morgens die Sonne aufgeht, dann scheint sie auf die ganze Erde und für alle Menschen, Tiere und Pflanzen.
Die ganze Schöpfung profitiert im Wachstumsmonat Mai vom Licht der Sonne.
Im Zusammenspiel der Elemente Erde und Wasser, Luft und Feuer wird der Fortgang der Schöpfung „gebacken“. Im Frühjahr entstehen neue Jahresringe an den Bäumen, die Blüten und Blumen allüberall geben Zeugnis vom Schöpfer, dass er die Farben liebt, und die Piepmätze verlautbaren das Wohlergehen der Natur.
Die kleine, heile Welt lieben wir – und doch sind wir immer verbunden mit der großen, weiten, oft auch unheilen Welt.
Es nützt wenig, sich zurückzuziehen, denn durch die zunehmende Vernetzung wird die Welt immer kleiner und wir haben zunehmend das Gefühl, als sei die ganze Erde sowieso nur eine einzige große Stadt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich geopolitische Veränderungen auswirken bis auf den letzten Quadratmeter zu Hause.
Es besteht eben ein ganz großer Zusammenhang und jeder von uns ist in einen wundersamen globalen Austausch verwoben.

Wenn wir zu Hause in unseren Erinnerungsgegenständen stöbern, dann bemerken wir zusätzlich, dass wir über unsere Herkunft und verwandtschaftlichen Beziehungen auch in die Geschichte hinein „vernetzt“ sind. Die Erinnerung aber, die uns dabei ins Gedächtnis kommt, erscheint in einem anderen Licht, das nicht von dieser Welt stammt.
„Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Das Licht von Gott, der am Anfang sprach: „Es werde Licht!“ (Gen 1,3) vermag das Dunkel der Erinnerung zu erhellen.

So ist auch unsere persönliche Vergangenheit aufgehoben in einer Erinnerung, welche in Gott gründet. Er weiß um jedes Detail, auch wenn uns manchmal die Erinnerung versagt. Im Hinblick auf Demenz-Kranke gibt das sehr viel Trost. Auch Gesunde in der Vollkraft ihres Gedächtnisses erinnern sich nie vollständig, zu vielfältig und zahlreich sind die Geschehnisse auch nur eines Tages.

In Schwäbisch Hall haben wir das Glück, in der Stiftskirche Großcomburg auf den ehrwürdigen romanischen Radleuchter aufschauen zu können, der dort über dem Altar schwebt. Er stellt die heilige Stadt Jerusalem dar, von der wir in der Lesung gehört haben. Geht man dort durch den Mittelgang von ganz hinten nach ganz vorne auf den Altar zu, kann jede/r nachempfinden, wie sehr wir auf dem Weg sind zum himmlischen Jerusalem, das vollkommen erleuchtet ist durch die Gegenwart Gottes. Alles ist ausgeleuchtet durch die göttliche Zuneigung. „Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.“ Das meint das ewige Licht und die Gottheit Jesu Christi.

Ich habe hier das Motiv des Osterlammes mitgebracht, den vergrößerten Aufdruck einer kleinen weißen Hostie. Die großen Brothostien schmecken mehr nach Brot, während die weißen, feinen Hostien mit Aufdruck deutlich zeigen, welche Speise wir empfangen. Es ist eine lichte Speise, die im gläubigen Empfang Licht gibt, weil sie von Jesus kommt, dem Lamm Gottes.
Jesus sagte einmal: „Solange ihr das Licht bei euch habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichtes werdet“ (Joh 12,36). Dieser Einladung folgen wir durch die Glaubenspraxis, immer wieder den Blick freizumachen in die Richtung, von woher das Licht kommt. Die Leuchte ist das Lamm, die Hingabe Jesu Christi.

Diese Leuchtkraft können wir zuschalten oder abschalten, aufscheinen lassen oder verbergen. Es liegt an uns.
Aber dieses Licht hat die Kraft, das Leben der Menschen und der Vielen auf der weiten Welt in eine kristallene Klarheit zu bringen. Wir werden zukunftsfähig auf die heilige Stadt hin, also zur transparenten Gemeinschaft mit Gott und untereinander.

Unsere gebeutelte Erde und unsere Kirche braucht mehr von diesem Licht, wir stehen der Dunkelheit nicht machtlos vis à vis. Wir können unseren Teil beitragen durch jede Form von Klarheit und Transparenz im „Netzwerk“ unseres Lebens.

Es gibt zu viele düstere Tage, lassen wir uns von Jesus her Licht geben, der für alle das Licht Gottes ist, und tun wir miteinander, kleine und feine, aber eindeutig lichtvolle Schritte auf unserem Weg „in die Stadt“!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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