Predigt am 5. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 2. Mai 2010


Eingespannt durch die Liebe Christi


Lesung:        Offb 21,1-5a
Evangelium:    Joh 10,27-30


Ohne Spannung fließt kein Strom. Es gibt Rinnsale, Bäche und Flüsse und schließlich den Strom, wie etwa den Rhein oder die Donau. Jedes Mal, wenn ich von Biberach nach Schwäbisch Hall fahre, überquere ich auf der Autobahn bei Aalen die europäische Wasserscheide.
Und je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass viele Dinge, so wie sie sind, auch ganz gut anders sein könnten oder anders gewesen sein könnten.
Deswegen interessieren mich zunehmend Fragen, wie man etwas steuern und lenken kann – und zwar im Voraus! –, dass es gut sein kann oder der Sache nach besser sein könnte.
Schließlich kommt man zu der entscheidenden Frage, wie eine Sache am besten dem Menschen oder der Natur dienlich sein könnte.

Wenn etwas schief läuft, verursacht das viele Tränen. Menschen weinen, weiß Gott. Weinen ist menschlich – bei beiden Geschlechtern! Es deutet bei Erwachsenen eine Ohnmacht an, das Stehen an der Grenze zu einer Übermacht aus Unglück und Leid. Manchmal fehlen die Worte und es geht nur noch: weinen!

Während unsere persönliche Erinnerung entsprechende Beispiele wachzurufen vermag, hörten wir doch aus der Offenbarung des Johannes die verbindliche Verheißung: „Er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“
Der Tränenstrom dieser Erde wird von Gott abgewischt werden. Im Vertrauen auf diese verbindliche Verheißung erwächst eine große Kraft. Der lebendige Gott wird sich schließlich vollends ganz auf der Seite des Menschen zeigen. Wer geweint hat, hat nicht umsonst geweint.

Aber es müssten doch eigentlich nicht so viele Tränen sein.
Je älter ich werde, desto mehr gehe ich davon aus, dass viele Tränen zu vermeiden sind. Es könnte auch anders sein: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!“ – Ist dieses Wort Jesu für uns maßgeblich? Wir können uns nicht bei Gott über die Zustände in dieser Welt beschweren – ohne nicht zugleich daran erinnert zu werden, dass Jesus von Nazaret in diese Lücke eingesprungen ist zwischen einer Welt ohne Gott und einer Welt mit Gott. Er hat sich geoffenbart als der Immanuel, als der Gott mit uns! Beim liturgischen Gruß „Der Herr sei mit euch!“ wird diese Erinnerung wachgerufen: Der Herr ist mit uns – wir sind zu ihm gekommen!
Er hat uns eine „Hausaufgabe“ gegeben: eine Aufgabe für unser persönliches Zuhause, für das „Haus der Gemeinde“ und für das gemeinsame Lebenshaus Erde.

Zwischen dem, was ist, und dem, wie es sein könnte, können wir oft einen herben Kontrast feststellen. Die Spannung, die sich dabei aufbaut, erzeugt eine hohe Energie. Damit sich diese aber nicht zerstörerisch auswirkt, sondern gewandelt wird in einen nachhaltigen Einsatz für das Gute, wie es sein könnte oder sollte – mit ohne Tränen! – braucht es einen Spannungsumwandler, einen Transformator. Sonst entlädt sich die Spannung an falscher Stelle, am falschen Ort oder zur falschen Zeit.

Dieser „Transformator“ ist Jesus Christus. Er wurde am Kreuz eingespannt zwischen Himmel und Erde und hat dadurch dem Teufel die Menschheit ausgespannt und sie für immer Gott, dem Vater, zurückgegeben. Am Kreuz ist Jesus Christus „der Priester, der Altar und das Opferlamm zugleich“ (vgl. Präfation für die Osterzeit V). Durch ihn ist für uns der Weg der Liebe eröffnet, einer Liebe, die seine göttliche Liebe immer wieder zum Maßstab nimmt. Menschen seiner Liebe verändern die Welt, sie haben das Zeug dazu.

Wie es tatsächlich ist und wie es nach Gottes Willen sein könnte, das bewegt uns Christen und alle Menschen guten Willens und bringt uns auf den Weg.

Aus dem Dunkel in das Licht, aus einer Welt voller Blut und Tränen, aus der verunstalteten und verletzten Schöpfung gibt es einen Ausweg: den mit Jesus!
Er ist zugleich der Weg zur Scheidung der Geister. Täglich müssen wir uns entscheiden, wohin unsere Lebensenergie fließt, und täglich gehen wir über diese Schwelle der Entscheidung.

Entscheiden wir uns für Jesus und sein Wort. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben – und den Nächsten wie dich selbst (vgl. Mt 22,37-39). Dazu gehört auf der gleichen Ebene auch die liebevolle Achtung der gesamten Schöpfung.

Wenn wir miteinander gehen, gibt es einen großen Strom, der nach Gottes Willen viel bewegen kann, unübersehbar für alle, und mitten drin: Christus, der Herr.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall


Anschließend als Credo GL 568,1 – 4 singen oder beten: „Komm, Herr Jesu, komm“.

 

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