Predigt am Hochfest Christi Himmelfahrt, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 13. Mai 2010



Für gewöhnlich ist die Richtung gen Himmel die nach oben, weil für uns das Licht durch die Sonne von oben kommt! Doch beim Blick nach oben „stoßen“ wir oft an die Wolken, die uns den Blick auf die Sonne verstellen.
Auf natürliche Weise sind damit die Wolken wie eine Grenzlinie. Sie sind der Horizont des Sichtbaren. Jeden Tag wechseln sie ihre Gestalt und sogar von einer Stunde auf die andere. Der Blick in die Wolke inspirierte zum Beispiel den Schwäbisch Haller Künstler von der Oberlimpurg, Dieter Franck. In seinem Haus dort wurde am vergangenen Sonntag eine Ausstellung eröffnet: „Blick gen Himmel. Wolkenbilder von Dieter Franck“. Derselbe Künstler hat auch unser Christus König-Mosaik geschaffen. Damit sind wir bei einem wichtigen Selbstverständnis des Religiösen. Es bewegt sich zwischen sichtbarer Gestalt und der Entzogenheit des Unsichtbaren. Die natürliche Erscheinung einer Wolke eignet sich hervorragend dafür, diesen Zwischenzustand deutlich zu machen. Deswegen haben wir in der Apostelgeschichte gehört: „Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“

Damit wird Religion ganz schön spannend. Jesus ging heim, er wurde emporgehoben in die unsichtbare Wirklichkeit Gottes, des Vaters; Jesus hat es zum Vater gezogen.
Damit wurde der Bogen gespannt von unten und oben, von der Erde zum Himmel, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren.
Und wir – wir stehen aufgrund dieser „Spannung“ unter „Strom“!
Die beiden Pole sind zwar für uns Gegensätze, aber bei Gott kommen sie zusammen und sind eins.

Aufgrund dieser Zweiteilung der Welt, der wir Menschen ausgesetzt sind, fließt in jeder Religion der Strom. Wir aber, die an Christus glauben, glauben an denjenigen, der für uns gestorben und auferstanden ist und der in seiner Auferstehung aufgrund seiner Himmelfahrt den roten Faden bis zum Vater gezogen hat. Deshalb beten wir heute in der Präfation: „Er kehrt zu dir heim, nicht um uns Menschen zu verlassen, er gibt den Gliedern seines Leibes die Hoffnung, ihm dorthin zu folgen, wohin er als erster vorausging“ (Präfation von Christi Himmelfahrt).

Das heißt, wir können jetzt schon in der Beziehung zum Vater leben, weil Jesus Christus den unendlichen Graben zwischen Gott und Mensch überwunden hat in seiner Menschwerdung. Durch seine Himmelfahrt hat er die Brücke doppelt befestigt und für immer tragfähig gemacht. Deswegen können wir es gut aushalten, wenn die Evangelisten berichten: Jesus geht weg, um gerade dadurch für uns da zu sein. Denn „er setzte sich zur Rechten Gottes“!

Aber dabei bleibt es ja nicht. Jesus hat sich auf göttliche Weise verabschiedet, um wiederzukommen. Das macht jetzt für uns die eigentliche Spannung aus: dass wir hier und heute auf dieser Erde wirken, wie es seinem Auftrag entspricht.

Nun ist es nicht mehr die einzige Frage, wer und wie Gott ist, sondern es geht darum, ob wir in freudiger Hochspannung die Wiederkunft Christi erwarten können. Es geht darum, christusförmig zu werden, damit Christus bei seiner Wiederkunft sich selbst in uns vorfindet. Er hat doch gesagt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Wenn wir im Bedürftigen Christus erkennen, sind wir zu Taten der Liebe angespornt. So werden wir dann auch von ihm als die Seinen erkannt werden. Es kommt also entscheidend auf unsere Glaubenspraxis an und dabei muss ich bekennen: Der Christ in mir grüßt voller Spannung den, der ich sein könnte und werden soll.

Da Christus in die Wolke „verschwindet“, sollen wir umso mehr im Licht des Evangeliums durch sichtbare Taten der Liebe als Christen in Erscheinung treten.
Ein Gradmesser für Nächstenliebe ist folgendes Kompliment: „Du bist für mich der Himmel auf Erden!“ Je häufiger solche Komplimente zugesagt werden, umso früher kann der Herr wiederkommen.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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