Predigt am 7. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 16. Mai 2010


Zweite Lesung:    Offb 22,12-14.16-17.20
Evangelium:    Joh 17,20-26

Das christliche Plus: warten können

Am vergangenen Freitag war der so genannte Blutfreitag in Weingarten mit Europas größter Reiterprozession. Der Blutreiter segnet zu Beginn alle Blutreitergruppen mit der Heilig-Blut-Reliquie. Das „Amen“ jedes Wallfahrers sieht man deutlich: das Kreuzzeichen! Wer sich gesegnet weiß, bekreuzigt sich. So lebt die Glaubensgemeinschaft von kommunikativen Zeichen: Segen geben und Segen empfangen.
Schon der erste Ökumenische Kirchentag in Berlin 2003 stand unter dem Leitspruch: „Du sollst ein Segen sein!“

Dabei bestärkt einer den anderen auf dem Weg des Glaubens. Der Segen bewirkt Geduld. Deine Erwartungen an Gott sind nicht vergeblich, sei nur geduldig und warte, bis Gott die Dinge so herbeiführt, wie es seinem Willen entspricht.

So bewegen wir uns zwischen der persönlichen Perspektive unseres Glaubens und dem, was von Gott her ersichtlich wird. „Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“ Das heißt doch nichts anderes, als dass unsere Zukunft in Gott eine Entsprechung zu unserem Lebenswerk sein wird. Das ist die Gerechtigkeit, die wir herbeisehnen, und diese Gerechtigkeit war schon immer ein Trost – bei den frühen Christen in der Verfolgungssituation bis zu uns heute „unter anderen Umständen“.

Damit ist von dort her eine Verbindung gegeben, die bis in unseren Alltag reicht: Bedenkt, was ihr tut „und haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn!“ (Jak 5,7). Das, was jeder (und jede) tut, muss jeder (und jede) an und für sich abwägen, an sich und für Gott.
Die Ausrichtung unserer Werke auf Gott braucht die Aufmunterung durch den Segen. Dieser eröffnet auch das Verständnis der Heiligen Schrift. „Denn das Wort der Propheten ist … ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen“ (2 Petr 1,19).

Wenn dieser aufgeht in unseren Herzen, dann spüren wir die Verbundenheit mit dem strahlenden Morgenstern, dem Anfang und dem Ende, das Jesus Christus ist. Das von Gott im Menschen Vorgegebene kommt zu sich selbst; die Morgenstern-Qualität unserer Seele hört den Bräutigam, den strahlenden Morgenstern: Jesus!

„Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm!“
Die Glaubensgemeinschaft der Christen, also die Kirche insgesamt, wird durch dieses Erkennen zur Braut Christi.
Diese Braut wird belebt durch die Worte, wie wir im Evangelium gehört haben.
In diese Worte hat Jesus sein Herzblut investiert. Er selbst offenbart darin seine Gegenwart und Zuneigung.

Wir haben geantwortet: „Lob sei dir, Christus!“ Das ist die Bestätigung unsererseits: auf ihn zu hören und ihm zu gehören!

Allerdings müssen wir noch warten. Noch ist es nicht soweit. Auch in der Lesung  aus der Offenbarung des Johannes wird die Braut als Wartende gesehen, nicht als bereits Heimgeführte. Bis dahin – bis zur Erfüllung der Verheißung – brauchen wir einander, um Segen zu sein und Segen zu bleiben füreinander.

Mein Vater hat früher immer gesagt, wenn wir als Kinder getrödelt haben: „In der Zeit könnte man einen Brautwagen laden!“ Er gehörte zu der Generation, die noch warten konnte. Wir müssen uns darin üben. Es ist eine christliche Tugend geduldig zu sein und warten zu können und darin voller Erwartung zu sein: „Amen. Komm, Herr Jesus!“

Die Worte des Heiligen Evangeliums von heute, am Sonntag vor Pfingsten, sind wie ein Segen für uns als Pilger, denn diese Worte enthalten das „Herzblut Jesu“.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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