Predigt am Hochfest Pfingsten, Jahreskreis C

Schwäbisch Hall, 23. Mai 2010

Die neue Atmosphäre

Manche sind in Urlaub gefahren. Ein beliebter Urlaubssport ist das Tauchen. Die Schwerelosigkeit im Wasser ergibt ein wonniges Gefühl.
Doch willkommen alle, die hier geblieben sind zum Hauchen, auf dass der Hauch Gottes uns überkomme; willkommen zu einer neuen Art der Atmung!
Wenn wir atmen, nehmen wir die Luft ein, die uns umgibt. Wir brauchen die Atmosphäre.

Für diese Atmosphäre, welche der Erde und allem, was auf ihr atmet, Leben ermöglicht, befinden wir uns alle „am gleichen Ort“, nämlich auf dieser konkreten Erde.
Doch mittlerweile atmet sie schwer, unsere Erde. Die Pflanzen, die Tiere und der Mensch bekommen immer öfter die Asthma-Anfälle der Erde zu spüren. Ist die Klimakatastrophe noch aufzuhalten?
Wenn wir nach der Ursache fragen, heißt das so: Wo beginnt die Katastrophe eigentlich?

Wenn jemand zum Tauchen geht, dann will er in der Tiefe des Wassers neue Einsichten gewinnen.
Wenn wir heute zum Hauchen gekommen sind, dann dürfen wir „aus den Tiefen Gottes“ neue Einsichten erwarten. Seit Christi Himmelfahrt haben wir gewartet. Und nun ist sie da, die Gabe des Heiligen Geistes – aus den unergründlichen „Tiefen Gottes“. Deshalb schreibt der Apostel Paulus: „Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes“ (1 Kor 2,10). Es ist die Begabung „wie von Feuer“ und das Ergebnis von Feuer ist das Licht und das macht sichtbar.

Jeder Taucher braucht eine Brille zum Tauchen. In diesem nassen Element sieht er dadurch zwar, aber sein Gesichtsfeld ist technisch bedingt eingegrenzt.

Heute, an Pfingsten, am Fest von Geistes Hauch, bekommen wir gratis eine Brille, die noch weiter „innen“ sitzt als etwa Kontaktlinsen. Die Möglichkeit für das Schauen im Heiligen Geist sitzt ganz „innen“, in der Tiefe des Herzens.

Weil Christus inzwischen ganz „droben“ beim Vater ist, ergibt der Heilige Geist, der von ihm ausgeht, eine Sehkraft von ganz „innen drinnen“. Derjenige, der aus der höchsten Höhe herabgestiegen und in die tiefste Tiefe hinabgestiegen ist bei seinem Tod am Kreuz, er ist kraft seiner Auferstehung hinaufgefahren in den Himmel aller Himmel.

Von ihm angehaucht, empfangen wir eine Einsicht, die größer ist als alles. Dieses neue Sehen ist wie eine Rundumsicht, die uns in allem die Perspektive Gottes vermittelt. Wir können das Ganze in den Blick nehmen, das von Gott kommt.

Die neue Sehkraft beginnt auf dieser konkreten Erde bei konkreten Menschen. Astronomisch gesehen befinden wir uns ohnehin alle „am gleichen Ort“ – auf dem Raumschiff Erde. Damals kam eine Feuerzunge auf jeden herab. Jeder Mensch ist berufen, zum Gefäß des lebendigen Gottes zu werden, dessen Zeichen das Feuer ist.

„Du machst dir die Winde zu Boten und lodernde Feuer zu deinen Dienern“ (Ps 104,4; Hebr 1,7). Aus dem Feuerwind Gottes regnet es das Licht Gottes herab, auf jeden von ihnen ließ sich eine Lichtflamme nieder.

Da ist das Feuer und die Zunge – die pfingstliche Feuerzunge! Sie ist rot. Es ist die Lebensfarbe, die Farbe von Blut und Liebe, die Farbe der Wandlung.

Die Feuerzunge über dem Haupt – was mag sie uns heute bedeuten?

Jeder hat eine Ahnung von Gott, sie wohnt im Herzen und kommt ins Wort.
Unsere Ahnung von Gott wird mit dem Wort Christi verbunden und erhält seine bleibende Gestalt. Diese Auferstehung unserer religiösen Gefühle in das Wort Christi ist an Pfingsten geschehen: Das Wort Christi ist in uns zur haltbaren Erinnerung geworden. Das Haltbarkeitsdatum reicht bis zum Jüngsten Tag, wenn das Evangelium zu allen Völkern gelangt ist – und darüber hinaus. So wie Jesus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen“ (Mk 13,31).

Pfingsten ist wie ein Licht-Ozean von oben, der den Erdkreis umgibt. Jeder Einzelne ist von oben getaucht durch des Geistes Hauch. Das lichtvolle Wort Gottes in uns schenkt uns Einsicht. Es sind Einsichten, die Gott in unser Herz eingibt. Diese Einsichten vermitteln den rechten Umgang mit dieser Erde, so dass sie wieder durchatmen kann.

Das von Gottes Geist getränkte Herz erkennt in den vielen Menschen Brüder und Schwestern und die anvertraute Schöpfung als Gabe und Aufgabe. Wenn wir im Herzen erkennen, was Gott will, sind die meisten Katastrophen abgewendet.
Das von Gottes Geist getränkte Herz vermag den Menschen anzuleiten, diese Welt nach Gottes Willen zu gestalten, der ein Freund des Lebens ist und das Leben aller will. Das von Gottes Geist getränkte Herz besitzt auch die Kraft, den vielen Völkern das Evangelium zu bringen.
Es ist Pfingsten und die rote Feuerzunge bewirkt, dass wir neu durchatmen können, zusammen mit der ganzen Erde. Wir gehen und reden und verstehen neu in der einen „Muttersprache“ Gottes. Der Heilige Geist bewirkt das Wohlergehen der Menschheit und der ganzen Schöpfung vor Gottes Angesicht – vor dem Angesicht des himmlischen Vaters.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

zurück