Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis C

Schwäbisch Hall, 18. Juli 2010


Lesung: Kol 1,24-28


Mit Freude in Geburtswehen

Komisch: „Ich freue mich in den Leiden, die ich für euch ertrage.“ Wie kann man sich in seinen Leiden freuen? Klingt uns da der Apostel Paulus nicht ein bisschen merkwürdig?


Nehmen wir dazu einen alltäglichen Vorgang: „Irgendwo in der Nähe oder in der Ferne wird eben jetzt ein Kind geboren. Die Mutter, die es zur Welt bringt, leidet wirklich Schmerzen, aber sie freut sich in diesen Schmerzen und durch sie hindurch. Sie freut sich auf das, was kommt. Das lässt sie den Schmerz zwar nicht vergessen, aber doch in einem ganz anderen Licht sehen: Der Schmerz wird ihr zum Durchgang, zur Tür in etwas ganz Neues hinein, in das neue Leben, das aus ihr geboren wird.“

Gehe ich recht in der Annahme, dass kein Kind auf die Welt kommt ohne Schmerzen der Mutter?


Dementsprechend benutzt wohl der Apostel Paulus dieses Bild, weil er für sich die Aufgabe sieht, das Wort Gottes durch die Verkündigung zur Welt zu bringen.

Zitat: „Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat, damit ich euch das Wort Gottes in seiner Fülle verkündige.“

Für dieses Amt und für die Verkündigung des Wortes Gottes setzt er sich unter allen Umständen ein. Was die Verkündigung des Wortes Gottes betrifft, ist der Apostel seit seiner Bekehrung ständig „unter anderen Umständen“, sein Einsatz ist ganzheitlich, deshalb gehört zu seinem Engagement das Aktive und das Passive. Im Lexikon steht für „Passiv“ ein altes deutsches Wort: „Leideform“. Das meint die „Verhaltensrichtung des Verbs“, die vom „(er)leidenden“ Subjekt her gesehen ist.


Aktiv und Passiv machen klar: Es gibt keine Aktion ohne Reaktion. Wer geht, dem ergeht es. Die Reaktion auf seine Verkündigung muss der Apostel schlichtweg auch aushalten. In seiner berühmten Narrenrede sagt er: „Ich war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See“ (2 Kor 11,23-25). An anderer Stelle im zweiten Korintherbrief schreibt er: „In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not und Angst“ (2 Kor 6,4).

Doch trotz allem Er-leiden-Müssen geht der Apostel seinen Weg, aktiv und passiv.


Woher nimmt der Apostel seine Kraft? Nicht wahr, wenn man ein Ziel vor Augen hat, weiß man, weshalb und wozu und wofür das Erleiden zu tragen und zu ertragen ist. Dieses alles überragende Ziel ist die Gegenwart Christi unter den Völkern und zwar unter allen Völkern und unter allen Umständen. Deshalb erleidet der Apostel die Geburtswehen gern, wenn er das Wort Gottes verkündet.

Außerdem will er – und seine Mitverkündiger – alle in der Gemeinschaft mit Jesus Christus vollkommen machen.


Liebe Mitchristen, dafür erleidet jeder, der Jesus Christus verkündet, ganz schön einiges. Aber es ist zugleich eine große Freude, dass die Gemeinschaft mit Christus zunimmt. Und sie hat seit den Zeiten des Apostels bis heute zugenommen.

Der Brief an die Kolosser macht deutlich, dass sich das Wort Gottes in uns vollkommen ausprägen will und dass die Gestalt Christi in uns vollkommen Gestalt annehmen möchte.


Deshalb kann man behaupten: Die Welt insgesamt liegt in Geburtswehen, weil Christus schon und noch nicht ganz unter den Völkern gegenwärtig ist und weil Christus schon und noch nicht ganz in uns ausgeprägt ist. So wird auch deutlich, dass Christus in uns allen lebt und „noch mehr geboren werden will“. Und im Bild vom einen Leib Christi ist uns vor Augen geführt, dass alles in einem großen Zusammenhang steht: Es ist ein Tun-und-Erleiden-Zusammenhang um Christi willen.

Das Wort Gottes in seiner ganzen Fülle verkündigen, diese Aufgabe erfordert die Bereitschaft, dies in allen Umständen und unter allen Umständen zu tun. Und das kann ganz schön wehtun. Aber wie bei einer Geburt zählen die Schmerzen nachher nicht mehr, sobald das Kindle da ist. Dieses Ziel ist für den Apostel Paulus das Christ-Kind unter allen Völkern und in jedem Menschen.


Das ist ein hehres Ziel, für das zu leiden sich lohnt dergestalt, dass man sich sogar darüber gleichzeitig freuen kann.

Die Bereitschaft, sich in diesem Tun-Ergehens-Zusammhang zu engagieren, mündet in eine Gottesfreude, die für immer bleibt.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

zurück