Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis C

Schwäbisch Hall, 31. Oktober 2010


Lesung: Weish 11,22-12,2

Evangelium: Lk 19,1-10

 

Bald schließt sich wieder ein Jahresring um uns und unwiderruflich neigt sich auch das Jahr 2010 seinem Ende zu. Es ist nicht noch zu früh, um eine solche grundsätzliche Frage zu stellen: Mit welchem Ergebnis wollen wir – will jeder von uns – in zwei Monaten auf dieses Jahr zurückblicken können? Die Jahresrückblicke der Zeitungen werden besondere Ereignisse und besondere Leistungen hervorheben. Die neuen Weltrekorde werden abgedruckt.

 

Abgesehen davon, welche Personen aus der Zeitgeschichte uns spontan einfallen, stellt sich die Frage, ob es nicht auch uns möglich ist, einen Weltrekord aufzustellen.


Herr, die ganze Welt ist vor dir wie ein Stäubchen auf der Waage, wie ein Tautropfen, der am Morgen zur Erde fällt.“

Mit dieser Aussage hat der Autor des Buches der Weisheit einen rekordverdächtigen Vergleich gewagt. Ein Staubkorn und ein Tautropfen offenbaren, wie relativ alles ist. Relativ, das meint „beziehungsweise“! Der Verfasser bezieht alles, was ist, auf Gott, und zwar in der Form des Gebetes.

Er formuliert: „Gott, du liebst alles, was ist.“ Die Welt und alles, was es gibt, ging aus der Liebe Gottes hervor und ist auf sie bezogen. Aus der Lebensmitteilung Gottes heraus hat alles seinen liebevollen Bestand, sowohl das ganz Große als auch das ganz Kleine. Deshalb wird Gott wird ein „Freund des Lebens“ genannt. Im ganzen Kosmos „webt“ und wirkt die Weisheit Gottes. Sie sorgt für das wohlgeordnete Gefüge des Ganzen.


Wenn wir allerdings in die Medienwelt schauen, könnten wir den Eindruck bekommen, dass wir Menschen im Gegensatz dazu oftmals Chaos und Verwüstung hinterlassen. Viele Dinge sind nicht das Ergebnis von Weisheit und Liebe. Manchmal beschleicht uns Angst, dass die Welt noch mehr ins Chaos stürzen könnte. Darum gibt das Buch der Weisheit den Hinweis, dass alles Bestand hat durch Gottes Willen.


Was uns Menschen betrifft, so hören wir von einer „Schonzeit“: „Du hast mit allen Erbarmen, weil du alles vermagst, und siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie sich bekehren.“ Aufgrund der Barmherzigkeit Gottes hat die Welt Bestand, auf sie sollten wir setzen!

Wenn wir dann selbst Barmherzigkeit üben, ist das der Ausweis, dass wir in Gott verwurzelt sind.


Wer Barmherzigkeit „wittert“, wird bereit zur Umkehr. Die anstrengende Anspannung, Dinge verbergen zu müssen, weicht der Entspannung und Vergebung und beseitigt inneres Zerwürfnis. Genau das geschieht beim Zöllner Zachäus. Das Evangelium veranschaulicht, wie Gott seine Barmherzigkeit offenbar gemacht hat: Sie hat Hand und Fuß bekommen. Jesus von Nazaret will und kann die Welt im Großen und im Kleinen durch seine Barmherzigkeit, die durch ihn erfahren wird, heil machen und in Ordnung bringen. Er ist der Heiland. Schuld wird nur durch direkt zugesprochene Verzeihung aufgehoben. So können wir wieder unschuldig werden. Losgesprochen sein von höchster Stelle, das bewirkt den Neuanfang.


Wir sehen das am Zöllner Zachäus. Seine Welt kam rekordverdächtig wieder in Einklang mit Gott. Jesus will, dass sich das Erlebnis des Zachäus in unserem Alltag ereignet. Was Zachäus erlebte, sollen wir ermöglichen. Das ist gleichsam das tägliche Training durch Christus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat (vgl.1 Kor 1,30).

Diese Berührung mit der offenbar gewordenen Weisheit Gottes schenkt uns Menschen eine „Schonzeit“, damit auch wir unser persönliches Chaos in Ordnung bringen können.


Und jetzt kommt die Steigerung zum Weltrekord: In der Verzeihung des Unverzeihlichen ist der Mensch der göttlichen Liebe am nächsten. Gott will seine Barmherzigkeit durch uns Menschen weiterwirken lassen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“


Wenn wir das schaffen, spüren wir, wie alle anderen äußerlichen „Weltrekorde“ dagegen verblassen. Der Anspruch ist nicht zu hoch, denn der Rekord für unsere eigene Welt ist möglich aufgrund der vorausgehenden unerschöpflichen Barmherzigkeit Gottes, die in allem waltet, was ist. Der persönliche Weltrekord der Barmherzigkeit bringt nicht nur immer wieder die eigene Welt in Ordnung, sondern er nützt auch der Umwelt und Mitwelt. Dann können wir auch mal fünf gerade sein lassen und über vieles hinwegsehen, über das man sich ewig und drei Tage streiten könnte! Oft sagt man, dass man auch mal ein Auge zudrücken könnte. Wir sehen an Jesus, dass er um unseres Heiles willen sogar beide Augen zugedrückt hat.


Es ist alles relativ! Welch befreiende Botschaft, dass alles auf die Barmherzigkeit Gottes bezogen ist, sowohl der Tautropfen am Morgen wie auch das Staubkorn, als auch die ganze Welt. Die heilende Kraft der barmherzigen Liebe unseres Gottes öffnet die Türen der Zukunft! Und ein zu Ende gehendes Jahr vermag uns nur dann wirklich zufrieden zu stellen, wenn es ein Jahr der Barmherzigkeit geworden ist für uns selbst und für unsere Mitwelt. Nur ein weiterer Jahresring aus Liebe und Barmherzigkeit wird für alle Welt gut.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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