Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis C

Schwäbisch Hall, 14. November 2010


Lesung: Mal 3,19-20b

Evangelium: Lk 21,5-19


Liebe Mitchristen!

Zurzeit toben die Herbststürme über das Land. Sie wehen das Laub von den Bäumen und machen den Gärtnern und Bediensteten der Bauhöfe viel Arbeit.

Noch mehr zu schaffen machen die umgestürzten Bäume, die nicht standfest genug waren. Um aber stehen zu bleiben, braucht es eine starke Wurzel.


Für uns Menschen gilt das in ähnlicher Weise. Damit wir standhaft bleiben, um das Leben zu gewinnen, brauchen wir eine starke Verwurzelung. Gemeint ist der Mensch, der in Gott verwurzelt ist.


Die Reihe der Psalmen eröffnet der Psalm 1. Schon da heißt es über den Menschen, der Gottes Wege geht: „Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen“ (Ps 1,3).


Der Baum also ist der Mensch, und der verdorrende, unfruchtbare oder abgeschlagene Baum ist ein Mensch, der ins Verderben geht. Der Gerechte hingegen ist ein Mensch lebendigen Glaubens, der in seinem vollen Saft steht, in dem nichts welk oder abgestorben ist. Er ist einer, der Früchte bringen wird, weil er genügend Wasser hat und der von seinen Wurzeln, seinem Ursprung (lat. origo) her ausreichend Nahrung bekommt. Somit ist der Gerechte die Figur des eigentlich „originellen“ Menschen.“1


Mit dem Gerechten ist der Mensch gemeint, der aufgrund seiner vitalen Verbundenheit mit Gott so lebensstark wird, dass ihn „nichts umhaut“.


Ein origineller Mensch ist also jemand, der von seinem Ursprung her lebt. Mit Gott verbunden, kommt der Mensch zu seiner höchsten Vitalität, vergleichbar mit einem besonders schönen Exemplar von Baum. Es ist herrlich, einen üppigen, dicken und hohen Baum in seiner urwüchsigen Vitalität zu betrachten. Das ist immer dann der Fall, wenn ein Baum standortgerecht gepflanzt wird. Außerhalb seines ursprünglichen Vorkommens erleidet er immer Verluste an seiner Lebenskraft.


So ist es auch mit einem Menschen, der sich von seinem Ursprung entfernt. Damit ist der lebendige Gott gemeint. Je weiter sich ein Mensch von Gott entfernt, desto mehr büßt er ein von seiner ursprünglichen Vitalität, desto labiler wird er auch. Er wird wankelmütig und richtet sich nach Dingen mal so, mal so. Er ergänzt oder kompensiert den inneren Mangel durch Angleichung an den Zeitgeist oder die Mode. Schließlich will man dazugehören.


Gott aber will ausschließlich Originale, und so hat er uns auch erschaffen. Er hat uns ins Leben gerufen zum Selbststand vor ihm und unter den Menschen. Dafür schenkt er uns inneren Rückhalt (lat. religio).

Der baut sich auf durch die Kraft der Wurzel, dieser entspricht die Krone eines Baumes.

Das feinste Wurzelhaar ist verbunden mit dem letzten Blatt. Das sind vergleichsweise die Alltage. Wie dein Tag, so dein Leben!


Das Tun und Lassen eines jeden Tages ist entscheidend. Ein Tag stellt die Weichen für den nächsten. Die vielen Details eines jeden Tages sind wie die kleinen feinen Muster der Blattadern. Ein Hundertjähriger hat ca. 36.500 Blätter für sein Leben bekommen.


Nicht nur ein Forstmann weiß, dass die herbstlichen Blätter kein Abfall sind, sondern zu Wertstoffen im Waldboden verwandelt werden als Wachstumspotential für neues Leben.

Die 36.500 Blätter der Biografie eines Menschenlebens lösen sich auch ab. Wenn sie losgelassen sind, werden sie „aufgehoben“ – und „neu gebunden“ von einer unendlich sanften Hand.


Das Bild vom Baum verbindet Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit. Das Wurzeln in der Tiefe der Erde entspricht dem Wachsen in den großen Horizont der Zukunft in Gott.


Jesus macht uns Mut, in einem großen Vertrauen die Fühler auszustrecken, um eine Standhaftigkeit zu gewinnen, die das Leben schenkt, weil sie jedem „Sturm“ zu trotzen vermag.


Originale nach Gottes Wohlgefallen trotzen unerschrocken allen Stürmen, die übers Land fegen und bleiben stehen. Jedes Blatt, das dahinfliegt, lässt erkennen, von welcher Baumart es stammt. Und das tägliche Blatt einer Biografie gibt Zeugnis vom Standpunkt eines Menschen. Gewonnen hat, wer bekennen kann: Jesus Christus ist die aufgehende Sonne der Gerechtigkeit.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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