Predigt am 34. Sonntag im Jahreskreis C

Schwäbisch Hall, 21. November 2010


Lesung: Kol 1,12-20


Einführung und Kyrie


Immer wenn wir eine Kirche betreten, wird uns bewusst, vor Gott zu stehen. Das Besondere eines Kirchenraumes liegt darin, dass wir aufmerken, dass wir vor Gott stehen. Eigentlich stehen wir immer und überall vor Gott, nur in einem Kirchenraum wird uns das besonders bewusst und deutlich gemacht.

Wenn wir also heute am Christkönigssonntag her stehen, kommt uns unwillkürlich die Frage auf, ob wir vor Gott auch bestehen? Eingerahmt ist diese grundsätzliche Anfrage durch zwei Grenzfragen: Woher kommen wir und wohin gehen wir?

Das Bestehen einer Prüfung teilt sich ja auch auf in die Zeit vor der Prüfung und in die Zeit nach der Prüfung.

Am Ende des alten und vor Beginn des neuen Kirchenjahres zeigt es sich, ob wir unsere christ-liche Prüfung bestehen!

Aus vergangenen 365 christ-lichen Tagen kommen wir und in die kommenden 365 christ-lichen Tage gehen wir – können wir vor Christus, dem König, bestehen?


Herr Jesus Christus,

du bist vor aller Schöpfung, alles hat in dir Bestand!

Kyrie eleison!


Herr Jesus Christus,

du bist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche!

Christe eleison!


Herr Jesus Christus,

du bist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, alles hat in dir sein Ziel!

Kyrie eleison!


Predigt

Liebe Mitchristen!

Jedes Buch liest man von der ersten bis zur letzten Seite. Die Bücher des Mittelalters besaßen noch starke Buchdeckel. Zwischen den Deckeln war das Buch eingebunden.

Das Buch in der linken Hand Christi scheint ebenfalls einen kostbaren Einband zu haben. Wenn das Buch nun zugemacht wird, wenn das letzte Kapitel abgeschlossen ist – liebe Mitchristen – können wir dann bestehen?


Schauen wir deshalb auf unser Mosaik, das uns der Künstler Dieter Franck auf die Chorwand entworfen hat: Christus König, der uns da aufscheint, er kommt aus der Mitte. Wenn wir hinsehen, dann erscheint er uns im Gegenüber. Die Erscheinung des Herrn kommt also aus der Mitte; weder von oben, noch von unten, sondern aus der Mitte von allem.

Die Außenlinie ist eigentlich wie die Linie eines Kreises; das meint dann folgerichtig den Erdkreis und – weiter gefasst – den ganzen Weltkreis.


Aus der Mitte der Welt scheint Christus auf als ihr Richter. Das ist der Punkt, auf den es ankommt: Christus in der Mitte! Aus dem Mittelpunkt „erwächst“ jeder Kreis und alles im Kreis ist auf ihn bezogen. Deshalb meint die christliche Religion diese Verbundenheit der ganzen Welt mit der Mitte, als grundsätzliche Angebundenheit von allem, was es gibt, an den einen Herrn, den Christus! Es gibt nichts, was nicht auf Christus bezogen wäre. Er ist der königliche Heiland der ganzen Welt. Aus der Mitte – in die Mitte ist Jesus Christus der Vermittler des ganzen Kosmos!


Nun besitzt jeder Kreis die Tendenz zu kreisen, also sich zu bewegen in einer ständigen Wiederkehr des ewig Gleichen. Nicht so bei Christus – denken Sie an den „Tatort“! Um sich auf etwas zu konzentrieren, um sein besonderes Augenmerk auf etwas zu richten, wird es eingekreist und mit einem Fadenkreuz versehen, damit können wir etwas ins Visier nehmen.


Richten wir also unser ganzes Augenmerk auf Jesus, den Christus: Er kam „von oben herab“! Entsprechend unserer modernen Mentalität gefällt uns das allerdings nicht so recht: das Von-oben-herab! Wir möchten die Dinge auf der gleichen Ebene sehen, auf der wir uns selbst befinden und so wollen wir auch die Antworten des Glaubens auf der Ebene von uns Mneschen vorfinden.

Genau deswegen wurde Gott Mensch, er erniedrigte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich (vgl. Phil 1,7f).


Diese Ebene beginnt an dem Punkt, den der Brief an die Kolosser so formuliert: „Er ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.“ Dadurch wurde auch die menschliche Ebene der Welt grundgelegt, die Ebene der Begegnungen von Mensch zu Mensch. Und als Jesus auf dieser Erdoberfläche 33 Jahre lang entlangging, da wurde er – wie er es geahnt hatte – durch den Marterpfahl des Kreuzes aufgehalten und machte eine sonderbare Karriere: „Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen.“ Das ist das Programm des Christus: die Versöhnung der Welt – und er gab dafür sein Blut, vollends am Kreuz.


Von ganz oben herab und von ganz unten herauf hat er am Kreuz zur Versöhnung die Arme ausgebreitet, um die Religionen der Welt zum Vater einzuladen. Der Tatort der Erlösung, der Marterpfahl des Kreuzes mit seiner Senkrechten, hat damit durch die Arme Jesu seine Waagerechte erhalten: Jesus hat am Kreuz die Menschheit dem Tod und allen anderen Mächten „ausgespannt“. Die erlösende Spannweite reicht von der Handlungsunfähigkeit – deswegen hat unsere Christusdarstellung am Kreuz keine Arme! – bis hin zur Vollmacht in Herrlichkeit – deswegen zeigt das Mosaik hier in der Kirche Christus König die rechte Hand als Einladung zur Teilnahme an seinem göttlichen Leben.


Wir bestehen also die Prüfung des Lebens im Gegenüber zur Bandbreite Jesu von der Dornenkrone bis zur Königskrone: In Christus sind sie eins. Seit unserer Taufe ist uns diese Krone aufs Haupt gesetzt: Es ist die Krone des bleibenden Lebens, besetzt mit Dornen und Edelsteinen und wir leben im Gegenüber zu Christus, dem König, dem alles lebt! Wie Dornen und Edelsteine verteilt sind, ist seine Sache.


Gott, der Vater, hat ihn aus der Nacht des Todes erhoben und auferweckt in Herrlichkeit. Er ist aufgefahren in den Himmel und sitzt zur Rechten des Vaters – er ist zu Recht, in „Wahrheit und Würde“, zum „Erstgeborenen der Toten“ geworden. Auf diese neue Tatsache läuft die Ebene der Welt zu. Von der Zukunft her, von der Auferstehung Christi her, empfängt die ganze Welt ihr neues Werden.

In diesem Gegenüber können wir aufleben, denn der erhöhte Herr schaut uns an und spricht uns an – voller Liebe, denn er hat sein Leben für uns gegeben.

In diesem Gegenüber können wir aufleben, denn der erhöhte Herr schaut uns an und spricht uns an – voller Gerechtigkeit, denn göttliche Gerechtigkeit ist die einzig wahre. Er ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten – denn er wird entscheiden und endscheiden!


Der konkrete Machtbereich dieses Königs bietet eine ewige Bleibe, schon jetzt jenseits aller Zeit. Auf dem Papier wird weiterhin „vor“ und „nach Christus“ stehen, für uns gilt es, im Gegenüber zu Christus zu sein, vor seinem Angesicht zu singen und zu spielen, ihn anzubeten, ihn anzuschauen und leibhaftig zu empfangen.


Christ sein ist „in“ sein. Wenn wir das wahrnehmen, haben wir, liebe Mitchristen, die Prüfung bestanden. In ihm, in Christus, haben wir Bestand!



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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