Predigt am 1. Adventssonntag Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 28. November 2010


Lesung: Jes 2,1-5

Evangelium: Mt 24,29-44


Die christliche Bandscheibe

Ihr von der Gemeinde Christus König, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn!

Liebe Mitchristen,

diesen letzten Satz der heutigen Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja nehmen wir uns zu Herzen. Gehen, das meint aufrecht schreiten, aufrichtig und gerade. Doch ich finde, manche Menschen haben einen Buckel bekommen, sie gehen gekrümmt und zu wenig aufrecht. Das gibt Haltungsschäden.

Schade, dass die Menschen zu wenig für ihre Haltung tun. Schließlich meldet sich der Körper und „macht auf Schmerz“. Früher oder später ist auch das Rückgrat in Mitleidenschaft gezogen und lässt manchmal sogar die Bandscheibe aus der Fuge springen. Jetzt haben die Wirbel nicht mehr den nötigen Abstand und reiben aufeinander. Das tut weh und schnell ist man oder frau nicht mehr flexibel und „dynamisch“.

Jedenfalls hat der liebe Gott nicht zufällig, sondern wohlbedacht zwischen die Wirbel die Bandscheiben „eingebaut“, so dass der ganze Leib die Bewegungsfreiheit behält. Es gibt auch öfters die altersbedingte degenerative Wirbelsäulenerkrankung, wenn die Bandscheiben ihre Elastizität verlieren und die Oberflächen der Wirbelknochen in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber wir können nach fachlichem Rat etwas dafür tun, das Rückgrat entsprechend seinem Bauplan“ nicht einseitig zu belasten, es zu trainieren und für seine Gesundheit zu sorgen. Etwas für die eigene Haltung tun, das gilt auch übertragen für den religiösen Bereich. Wenn wir uns also rückgrat-gerecht verhalten, können wir uns aufrecht ausstrecken, aufrichtig gehen und nach dem Ausschau halten, was von Gott kommt.

Liebe Mitchristen! Schauen wir auf und schauen wir aus nach dem Licht, das aus der Finsternis aufscheint!

Die neue Chance des Advents besteht darin, das Licht am christlichen Horizont wahrzunehmen. Wir haben es entzündet – Christus das Licht! – schon ist nahe der Herr! Sehet, die erste Kerze brennt!


Wir brauchen das Licht, damit wir die Räumlichkeit wahrnehmen und die Abstände erkennen und einschätzen. Gott will uns am Beginn des neuen Kirchenjahres durch das aufgehende Licht Christi auferbauen und aufrichten! Dieses Licht Christi ist wie ein Röntgenstrahl, der die Bandscheiben der christlichen Haltung sichtbar macht. Zwischen all den irdischen Dingen braucht es einen Abstand, der die Beweglichkeit aufrechterhält.


Nehmen wir also das Bild vom Rückgrat, dann ist beispielsweise eine Wirbellänge die Länge einer Woche mit ihren Werktagen, dazwischen kommt der Sonntag, die christliche Bandscheibe gleichsam. Ohne Sonntage gibt es nur noch Werktage – lautet ein Motto der KAB. Wer den Sonntag nicht in irgendeiner Form als christlichen Ruhetag einhält, dem tut es am Montag weh, weil die Werktage ohne Abstand zu sehr aufeinander reiben.

Ohne Sonntage gäbe es nur ein krummes und schmerzhaftes Buckeln für die Dinge dieser Welt.


Das Gleiche gilt für die christliche Lebensgestaltung insgesamt, für die das neue Kirchenjahr neue Chancen bereithält. Für unsere christliche Haltung ist es notwendig, dass wir unser „christliches Rückgrat“ täglich trainieren. Das tut den Bandscheiben gut und wir bleiben beweglich, das meint, wir bleiben aufrecht genug, um zu erkennen, dass der Herr kommt. So werden wir davon nicht überrascht sein.


Eine solche christliche Bandscheibe kann also sein:

  • jeden Tag eine halbe Stunde gemeinsame adventliche Zeit mit den Kindern,

  • ein Besuch bei einem Nachbarn, einem kranken oder älteren Menschen,

  • ein zuvorkommendes und freundliches Verhalten gegenüber einem Arbeitskollegen,

  • ein geduldiges Verhalten, gerade jetzt im Straßenverkehr,

  • das Engagement für eine kinderfreundliche Gesellschaft,

  • die Unterstützung von Organisationen, die schwangere Frauen ermutigen, ihr Kind anzunehmen und auszutragen,

  • der Einsatz für und das Gebet um den Frieden,

  • das Engagement bei einer Naturschutzorganisation,

  • das Mitmachen oder Teilnehmen beim „Lebendigen Adventskalender“

  • oder ein anderes gutes Werk, wir können ja kreativ sein.

Wer den Advent nicht ein bisschen bewusst begeht, dem tut es eventuell an Weihnachten weh!


Tun wir also etwas mehr für unsere christliche Haltung, üben und trainieren wir, damit wir den ankommenden Herrn Jesus Christus aufmerksam und wachsam empfangen können. So wird uns seine plötzliche Ankunft nicht überraschen.

Gehen wir den Herrn entgegen, indem wir bei diesen Übungen die Dinge in den Blick bekommen, die Gott für uns bereithält.


Im Licht Christi können wir erkennen, dass der ewige Gott die Zeit für uns geschaffen hat, damit wir sie erwartungsvoll einteilen. Diese Vision nimmt den Buckel weg und ergibt die aufrichtige adventliche Haltung. Auf, liebe Mitchristen, lasst uns aufrecht ausschauen und in den Horizont spähen, dass der Herr kommt!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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