Predigt am 2. Adventssonntag Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 5. Dezember 2010


Lesung: Röm 15,4-9

Evangelium: Mt 3,1-12


Liebe Mitchristen, liebe Kolpingfamilie!

Eine ganz wichtige Frage treibt uns zunehmend um: Was schenke ich zu Weihnachten?

Damit uns diese nicht zu sehr plagt, suchen wir gemeinsam nach Vorschlägen. Im Rahmen unserer jährlichen Adolph-Kolping-Gedenkfeier sagen wir: Was würde uns Adolph Kolping darauf antworten? Er würde gewiss diesen Hauptsatz aus unserer heutigen Lesung zitieren: „Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.“ Im Advent sind wir voller Erwartungen. Wir können sie erfüllen. Jeder Mensch wartet auf ein Entgegenkommen des Mitmenschen, machen wir den ersten Schritt! Auch wartet jeder auf eine direkte oder indirekte Bestätigung durch den anderen. Das geschieht schon durch das einfache Grüßen, indem ich den anderen wahrnehme und beachte.

Adolph Kolping hat seine Mitmenschen nicht nur gegrüßt, sondern ganzheitlich wahrgenommen. Er hat alles in den Blick genommen, was ein Mensch grundsätzlich braucht und was ihn glücklich macht. Es gibt ein Zitat von ihm: „Das aber ist das Höchste und Beste. Was ein Mensch schaffen kann in dieser Welt, Segen und Glück zu verbreiten“ (Idee & Tat, 4/2010, Seite 32).

Dazu schreibt Marcus Fischer, Geistlicher Begleiter der Kolpingjugend im Diözesanverband Limburg: „Adolph Kolping spricht von Segen und Glück, es ist ein Zitat von 1859. Zehn Jahre zuvor gründete er als Domvikar den Kölner Gesellenverein, viele Schriften werden veröffentlicht und 1862 wird er Rektor der Minoritenkirche. Es ist eine Zeit des Umbruchs für den Priester, für die Gesellschaft der Kaiserzeit in der Industrialisierung; Charles Darwin veröffentlicht sein Hauptwerk von der natürlichen Auslese; Karl Marx sammelt mit seinen Lehren viele Anhänger; auf dem Kontinent tobt der italienische Unabhängigkeitskrieg und und und …“

Heute leben wir natürlich in einer anderen Zeit. Wir müssen uns auch mit einer fast unüberschaubaren Fülle von Theorien und Weltanschauungen auseinandersetzen.

Gegenüber der oft verwirrenden Bandbreite von Ansichten gibt es eine zeitlos bleibende adventliche Grundwahrheit. Ich brauche Mitmenschen, auf die ich mich verlassen kann und die mich mögen. In einer Atmosphäre grundsätzlichen Angenommenseins blüht der Mensch auf. Am besten kann man das erkennen bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei uns Erwachsenen. Ich denke mir, dass Adolph Kolping diesen Grundsatz stets beachtet und vorgelebt hat, und zwar aus der Perspektive des Glaubens, also von Christus her, so wie es der Apostel Paulus treffend für uns ausformuliert hat. Gott hat uns zuerst angenommen und „die Welt mit sich versöhnt“ (Teil der Lossprechungsformel bei der Beichte). Dadurch ist auch uns Versöhnung möglich. „Indem Gott Mensch geworden ist, hat er in jedem Sinn des Wortes unsere Menschennatur angenommen: Er hat sie sich zu eigen gemacht, er hat sie akzeptiert, sie ist ein Stück von ihm selbst geworden. Gott steckt „in meiner Haut“. Auch ich bin angenommen mit allem, was meine Persönlichkeit ausmacht: meine Fähigkeiten, meine liebenswürdigen Seiten, aber auch das Schwierige, das Dunkle in mir. Auch im Menschen neben mir denjenigen zu erkennen, der von Gott geliebt und angenommen ist, das ist die Aufgabe, die es zu übernehmen gilt“ (Messbuch 2011, Lesejahr A, Butzon & Bercker Kevelaer, Einführung zur Lesung, Seite 24).


Das ist die entscheidende adventliche Haltung, praktisch ist sie aber oft eine mühselige Angelegenheit. Doch dieser Weg führt zur Seligkeit, das sehen wir an Adolph Kolping: Selig sind diejenigen, welche sich mühselig um andere kümmern.

In den Gesellenvereinen, die Adolph Kolping gründete, wurde auch auf die Grundbedürfnisse des Einzelnen geachtet: Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf waren damals schon viel. Aber dann konnte auch jeder aufgrund seiner Talente die entsprechenden Fähigkeiten entwickeln, die dann letztlich der ganzen Gesellschaft zugute kamen.

Das heißt auch für uns: Wenn wir einander annehmen, dann profitieren wir gemeinsam von den Fähigkeiten, die jeder hat. Das gipfelt dann auch in die religiöse Konsequenz, dass alles Bemühen füreinander schließlich zur Ehre Gottes gereicht.

Gehen wir Schritt für Schritt miteinander, der Gott des Trostes und der Geduld hilft uns dabei. In den Kolpingfamilien gibt es die familiäre Atmosphäre, welche den Einzelnen auferbaut. Auch das neue „Kolpingmagazin“ (November/Dezember 2010) berichtet über viele Beispiele von mitmenschlicher Solidarität. Einer kümmert sich um den anderen.

Liebe Kolpingfamilie, lassen auch wir uns davon adventlich begeistern!

Angekommen“ und „angenommen“ gehören zusammen. Die Ankunft Christi richtet sich geduldig und trostvoll nach dem Maß unserer gegenseitigen liebevollen Annahme. Das ist das beste Weihnachtsgeschenk: Ich nehme dich an – als meinen Bruder bzw. als meine Schwester in Christus!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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