Predigt am Hochfest der Erwählung Mariens
am 8. Dezember

(gehalten in Schwäbisch Hall am 8. Dezember 2007 zum Kolpinggedenktag)


Lesung: Eph 1,3-6.11-12

Evangelium: Lk 1,26-38


Haben Sie heute Abend etwas vor?

Diese gewöhnliche Frage hat den Wunsch im Hintergrund, etwas gemeinsam zu unternehmen. Es kommt natürlich darauf an, wer diese Frage stellt, denn dementsprechend wird der Abend aussehen.

So ein Abend ist aber nur ein Teil vom Tag und ganz anders und viel intensiver lautet es, wenn gefragt wird: Was machen Sie „heute“? Wer kann so fragen? Vielleicht der Arbeitgeber oder Vater und Mutter früher: Was machst du heute?

Aus unterschiedlichen Gründen interessiert sich da jemand für dich! Dadurch wird deutlich, dein Leben steht im Zusammenhang mit demjenigen, der da anfrägt.


Und jetzt kommt sogar ein Engel, der Engel Gabriel, und seine Anfrage kommt von Gott selbst: Maria, junge Frau, was hast du mit deinem Leben vor?

Zugegeben, diese Frage kann eigentlich nur Gott stellen – und schon sind wir mitten im offenen Raum der Freiheit eines Christenmenschen. „Frei sind wir, ja zu sagen oder nein …“ heißt es in einem neuen geistlichen Lied.

Ja, natürlich habe ich mit meinem Leben etwas vor, wird jeder denken und wir spüren zugleich aus dieser Anfrage, wenn sie von Gott kommt, etwas Grundsätzliches aufleuchten: Da will der Höchste das aus deinem Leben machen, was er mit dir vorhat. All das, was wir so vorhaben oder heute oder morgen tun wollen, ist ein winziger Schatten gegenüber dem Licht, das aufgeht, wenn wir Gott selbst die Regie über unser ganzes Leben überlassen.


Doch schnell sind wir wieder beim alten Absicherungsdenken und zögern oder zaudern. Wir wissen: Wir können nicht zugleich rechts und links fahren; im entscheidenden Augenblick bleibt nur die Konsequenz zu befolgen und zu gehorchen, was Gott will.

Deshalb stellte sich Adolph Kolping ebenso „vor allen Entscheidungen die Frage nach dem Willen Gottes; und erst nachdem er diesen erkannt zu haben glaubte, handelte er“ (Festing, S. 94).


So geschehen auch in Nazaret: Die junge Frau bekommt die Chance, ganz gewiss zu erkennen, dass Gott etwas Großes mit ihr vorhat.

Sie fragt nach: Wie soll das geschehen?

Sie bekommt sozusagen eine theologische Antwort: Der Heilige Geist wird über dich kommen. Das heißt nichts anderes: Die Liebe, das Licht und das Leben Gottes wird in dir Wohnung nehmen. – Zudem bekommt Mirjam von Nazaret ein Beispiel aus ihrer Verwandtschaft genannt für das Wirken Gottes. Schlussendlich soll sie erkennen: Für Gott ist nichts unmöglich! Diese Erkenntnis ist gleichsam der Stock und der Stab, um den Weg Gottes zu gehen.

Für den Weg Gottes braucht es also zweierlei: die natürliche Bildung und die übernatürliche Anweisung!


Auch für Adolph Kolping war Bildung in erster Linie „Herzensbildung“ und als solche „ein den ganzen Menschen umfassender lebenslanger Prozess“ (S. 96). Dazu „gesellte“ sich für ihn wesentlich die Kardinaltugend der Klugheit, das meint, „dass er alle seine Handlungen auf Gott als das letzte Ziel des Menschen ausrichtet“ (S. 93).


Nach kluger Abwägung in ihrem Herzen konnte nunmehr ebenso die Gottesmutter erkennen, wie Gott sie – wohlgemerkt in ihrem ganzen Frausein! – ganz in Anspruch nehmen möchte, also mit Seele und Leib. Maria wurde somit mit Leib und Seele Gottesmutter – und sie ist es bis heute (für uns!) geblieben.

Wenn Gott also in uns Wohnung nehmen möchte, dann sollten wir mit unserem ganzen Leben eine entsprechende konsequente Antwort geben.


Nichts anderes hat Adolph Kolping für seine Zeit getan und mit der ihm eigenen Autorität suchte er in der pastoralen Arbeit immer diese gemeinsame Zielsetzung im Handeln und Erleben. Das gilt nun nicht nur für die Kolpingfamilie, sondern für alle Christen. Wir gehen den Weg Gottes nicht allein, sondern miteinander. Wir befinden uns in einem großen Zusammenhang, das ist der Plan Gottes mit dieser Welt, die in Christus ihre Vollendung bei Gott erhalten wird.

Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne (und Töchter!) zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen. Durch Christus sind wir auch als Erben vorherbestimmt und eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt“ (vgl. Eph 1,5.11).


Gott hat mit uns je einzeln und mit der ganzen Menschheitsfamilie etwas vor! Wir gehen in eine neue Zukunft: Diese wurde grundgelegt durch die Klugheit der Gottesmutter, die nach entsprechender Abwägung ihr ganzes Leben in die Waagschale Gottes gelegt hat. Ebenso können wir nun – nach dem Vorbild Adolph Kolpings – unser ganzes Leben konsequent hergeben und einsetzen für die Sache Gottes in der Welt. Diese besteht darin, den Nächsten, den Mitmenschen und den Zeitgenossen mit einzubeziehen in diesen Plan Gottes mit der Welt. Das ist eine oft mühselige Arbeit und die Frage kommt auf: Was werden wir dafür bekommen? Nun, diese Frage haben auch die Apostel an Jesus gestellt.

Wenn ich Gott die Regie über mein Leben gegeben habe, dann besteht die Seligkeit darin, dass Gott jeden Tag für mich vorsorgt. Gott bereitet mir diesen Tag heute!


Die Mühe besteht darin, aufmerksam und wach zu bedenken: Gott hat voller Liebe und Interesse heute etwas mit dir vor: Du bist ein VIP, eine very important person, eine ganz wichtige Person für seinen Plan mit der Kolping- bzw. Menschheitsfamilie.

Ich vermute, das waren die Leitplanken für den Weg Kolpings zu Gott. Er ging seinen Weg in der Kraft des Heiligen Geistes in dem Bewusstsein: Der Vater bereitet dir den Tag heute; Christus, der geliebte Sohn, hat heute etwas mit dir vor!



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall


Zitate aus: Heinrich Festing, Was Adolph Kolping für uns bedeutet, Freiburg i. B., 1985.

 

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