Predigt am 3. Adventssonntag Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 12. Dezember 2010


Lesung: Jes 35,1-6a.10

Evangelium: Mt 11,2-11


Früher war vieles in der Landwirtschaft einfache Handarbeit. Und jeder, der draußen schaffte, konnte jeden Tag die Bewegung in der Natur beobachten. Ein neuer Tag bringt neue Lebendigkeit. Kein Tag ist wie der andere, und für die Andersheit des nächsten Tages hat man Gott gedankt.

Auch wenn man wusste, dass der Ackerboden Dornen und Disteln wachsen lässt, so gelangte man doch über die oft schwere Arbeit zur Mühseligkeit. Der naturverbundene Mensch wusste um die Fruchtbarkeit des Bodens und der Landschaft.


Auch der Prophet Jesaja setzt in seiner Predigt darauf, dass seine Hörer „anspringen“ auf das Bild einer überreichen Landschaft, einer überaus fruchtbaren und blühenden Gegend, sogar dort, wo man es zunächst nicht vermutet, in der Wüste.

Er will den Glauben wecken, dass Gott über unsere Vorstellungen hinaus wunderbares Leben zu wecken vermag. Gott vermag sogar die Wüste zum blühenden Garten zu wandeln, demzufolge macht er den Behinderten die Augen und Ohren auf und kann die Leblosigkeit in jeder Form beseitigen.

Gott selbst ist es, der lebendig macht. Mit dieser Grundüberzeugung können wir auch besser mit Enttäuschungen und Frustrationen umgehen. Vielleicht hilft uns zusätzlich die Erinnerung an ein bekanntes Adventslied:


„Maria durch ein’n Dornwald ging“


Jemand sagte mir neulich: „Diese Melodie schreit nach Versöhnung.“

Es betrifft viele unversöhnte, dornige Situationen, in denen das satte Grün schon lange nicht mehr zu sehen war. Und jetzt soll sich nach sieben Jahren so etwas ins Positive wenden, dass sogar zuerst die Rosen blühen, bevor das Laub kommt.

Wir sagen zunächst, das sei unmöglich. Aber auch Maria bekam vom Engel auf ihre Nachfrage hin die Antwort: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37).


Wenn wir aufmerksame Beobachter sind, stellen wir fest, dass es auch bei uns im Großen und im Kleinen viele „Wüsten“ gibt, denen wir mit der Verheißung des Propheten Jesaja wünschen, dass neue Lebendigkeit hervorbricht.

Subjektiv gewendet, heißt das, dass niemand den Glauben an das Gute und Schöne aufzugeben braucht, denn es vermag mit Gottes Hilfe doch noch einzutreffen. „Ich kann meine Träume nicht fristlos entlassen. Ich schulde ihnen noch mein Leben“ (Rederike Frei, in: Die Botschaft heute, Kontexte zu Liturgie und Predigt, Heft 10/2004, S. 370, Bergmoser + Höller Verlag AG).


Ist es nicht so, dass wir mehr von dem leben, was zunächst nicht möglich erscheint? Dafür ist Gott zuständig. Die Menschwerdung Gottes halten viele Mitmenschen – besonders anderer Religionen – für unmöglich. Aber wie sollte Gott seine Gnade und sein Erbarmen sympathischer „anbringen“ als innerhalb des von ihm erwählten Volkes, bei dem er bisher schon war? Das Volk des Ersten Bundes hatte das Dasein Gottes schon auf andere Weise „nachhaltig“ erfahren. Jetzt aber muss Weihnachten als logische Konsequenz der Zuwendung Gottes gelten: Die Mutter trägt ein Kindlein ohne Schmerzen unter ihrem Herzen. Zum Zeichen der Freude, dass Gott kommt und ankommt, tragen die Dornen Rosen. Das Unmögliche wird wahr. Im Grunde wünschen wir anderen und uns selbst, dass sich dornige Situationen in neues Leben wandeln, auch wenn es zunächst unmöglich erscheint.


Dafür ist es wiederum Advent geworden, damit wir unsere Ausspannung auf Gott hin neu entdecken. Die Situationen, in denen wir uns vorfinden, sind ja auch die Folgen früherer Taten und Entscheidungen. Darin nimmt uns Gott ernst. Unsere Biographie ist eine Kombination zwischen Gottes Vorsorge und unserem eigenen Willen.


Wenn wir uns nun bekehren und unser Denken ändern, ja wenn wir umkehren und unseren Willen vielmehr ausrichten auf das, was von Gott kommt und was wir von ihm erwarten dürfen, dann kommen auch umso mehr Gottes Möglichkeiten bei uns an. Wenn wir wieder mehr in enger Verbindung mit Jesus Christus leben, dann ereignet sich das Unverhoffte: Blindes, Lahmes, Taubes, Totes, Verschlossenes erwacht zu neuem Leben.


Es gibt eine Entsprechung von außen und innen: wie die Landschaft – so der Mensch!

Der Prophet Jesaja setzt seine Verkündigung bei der Naturverbundenheit der Leute an. Sie ist ein wichtiger Anker der Gottverbundenheit.

Unsere Umgebung bleibt nicht unberührt vom Kommen des Herrn. Sie blüht auf zur vollen Pracht. Wenn Gott vollends ankommt, erwachen wir zu unserer eigentlichen Bestimmung und zum vollen Leben.

Tun wir unser Möglichstes, damit die Boten der Menschwerdung Gottes Beachtung finden, allen voran Maria und Johannes, beide „trugen“ Jesus zu den Menschen.


Für uns gilt es im Wesentlichen drei Dinge zu beachten, damit durch Jesus das volle Leben aufgeht: Advent heißt: Da wird ja noch etwas!

Wir halten Ausschau nach dem, was von Gott her als überbordendes Leben in den Horizont kommt.

Wir beachten die adventlichen Gestalten und hören auf sie: St. Martin, St. Nikolaus, die heilige Barbara, die heilige Luzia und viele andere. Eine adventliche Gestalt ist aber auch jeder unter uns, der auf Jesus aufmerksam macht.

Tun wir unser Möglichstes, damit Licht, Liebe und Frieden unsere Wege erhellen. Die Ankunft des Herrn macht jeden Tag neu und bringt ihn zu neuer Lebendigkeit. Unsere Freude darüber bleibt, im großen Miteinander von Gott bewegt zu sein. Er lässt aus Dornen Rosen blühen.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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