Predigt in der Heiligen Nacht, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 24. Dezember 2010


Weihnachtlicher Glanz

Zweifelsfrei wurde der Säugling in eine Futterkrippe gelegt. Ohne Zweifel wurde das Kind auf Heu und Stroh oder vielleicht auch auf Laub gebettet.

Das sind Naturmaterialien, die zur Fütterung der Tiere dienen. Das armselige „Bettchen“ für das Jesuskind bestand also aus Tiernahrung.

Die armseligen Leute, die zuerst zum Stall geführt wurden, waren Hirten, also Menschen, die mit und von Tieren lebten. Vermutlich gehört das zusammen: Armseligkeit und Tierliebe.


Die Hirten hielten Nachtwache bei ihrer Herde. An ihre Adresse richtet sich zuerst die Nachricht, die dann dem ganzen Volk zuteil werden soll. „Da trat der Engel des Herrn zu ihnen.“ Sie bekamen wie Maria und Josef mitgeteilt, was sie von sich aus nicht wissen konnten. Und der Glanz des Herrn umstrahlte sie: Hirten und Herden.


Konnten dieses himmlische Licht nur die Hirten wahrnehmen – oder spiegelte sich dieser Glanz auch in den Augen der Schafe wider? Wenn aber in den Schafen, dann in den Augen aller Mitgeschöpfe, denn das Licht der Weihnacht flutet die ganze Schöpfung. Es durchdringt den Erdkreis und macht wirklich sehend.


Franziskus von Assisi war es, der damals 1223 das Geschehen der Geburt Jesu ins Freie verlagerte und damit im eigentlichen Umfeld anschaulich machte.

Seither gibt es diese Tradition. Um die Botschaft der Menschwerdung Gottes zu erschließen, braucht es die Natur.


Inmitten von Haus- und Herdentieren kam der Sohn Gottes zur Welt, und damit ist das Verhältnis Mensch und Tier angesprochen. Der „Glanz des Herrn“ umstrahlt die Verbindung von Tier und Mensch und macht sie weihnachtlich. Die schöpfungsgemäß vorgegebene gegenseitige Zuordnung wird aufs Neue Gott geweiht.


So kann Franziskus beten: „Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle. Amen.“

Im Anschluss an Franz von Assisi können wir uns einladen lassen, dass das weihnachtliche Geschenk eine neue Empfindsamkeit sei: „Ich empfinde, also bin ich.“


Dieses Mitfühlenkönnen für die Mitgeschöpflichkeit aller Lebewesen, das ist nicht nur ein Mitleid, sondern ein herzliches Gönnen der Lebensberechtigung aller gottgegebenen Pflanzen und Tierarten. Sie sind uns anvertraut. Mit dieser Anvertrauung kommen wir zum Christkind.


Und dann lassen wir uns mit Franziskus auch einladen, dass Gott uns ein neues Erkennen schenkt. „Ich erkenne, also bin ich.“

Jesus von Nazaret hat sich solidarisch gemacht mit allen Kindern dieser Erde. Für ein gesundes Aufwachsen brauchen Kinder die Natur. Tiere und Kinder gehören zusammen und haben vieles gemeinsam. Denken wir an die Futterkrippe. Wenn Tiere fressen, dann tun sie es in einer unbekümmerten Selbstverständlichkeit, dass es uns beim Zuschauen in der Seele gut tut. Auch Kinder genießen vorbehaltlos die Gaben der Schöpfung. Gott hat sich in seiner Menschwerdung menschlichen Eltern anvertraut; in diesem kleinen Kind hat sich der große Gott angewiesen gemacht auf die Nahrung der Erde.


Zur Krippe mit dem Jesuskind kommen also nicht nur viele Menschenkinder, sondern dazu gehören Ochs und Esel, Schafe und Kamele, andere Haustiere und alle wilden Tiere, die wir kennen. Schließlich haben wir ihnen Namen gegeben! Nicht nur Haustieren geben wir Namen, sondern auch jedem wilden Tier – und drücken damit eine Beziehung aus.


Zwischen den Engeln „von oben“ und den Tieren „von unten“ kam Jesus von Nazaret in Betlehem „bei den Menschen“ zur Welt. Weder die Engel noch die Menschen noch die Tiere können wir zählen.


Damals gab es eine Volkszählung, vom Kaiser angeordnet. Sie gab den Ausschlag, dass Jesus „am richtigen Ort“, also zu Betlehem geboren wurde. So wurde deutlich: Jesus ist der verheißene Messias aus dem Geschlecht Davids.


Auch heute gibt es Volkszählungen, deren Ergebnisse sind „Futter“ für Computer und Behörden. In einer anderen Übersetzung heißt es für die Volkszählung damals: „auf dass alle Welt sich schätzen ließe“.

Schatzung“ ist der frühere Ausdruck für die Steuererhebung. Was ist unsere „Schatzung“? Setzen wir auf Abzählbares, auf Geld, Grundstücke, Häuser? Oder leben wir von einem unschätzbaren Reichtum, der weit über das Zählbare hinausgeht?


Glückselige Weihnacht, wenn wir empfinden und erkennen: Wir sind beim göttlichen Kind angekommen, wir stehen vor der Krippe. Das göttliche Kind lacht uns an, denn es hat tatsächlich Geschenke mitgebracht:

Das erste ist die Beziehung von oben herab und zu Gott hinauf. Er ist der Vater für alle Menschen.

Das zweite Geschenk ist: Ich selbst stehe vor Gott, und das ist mein eigentlicher Standpunkt: geliebt, versöhnt und mit Zukunft bedacht zu sein.

Das dritte Geschenk ist: Die Menschen zur Seite rings auf dem Erdenrund sind durch den Glanz der Weihnacht Brüder und Schwestern geworden.

Und das viertes Geschenk ist ebenso wichtig: Mitten in der Umwelt ist uns eine neue Empfindsamkeit geschenkt für alles Lebendige: Auch für die Pflanzen und Tiere ist das Licht aufgestrahlt. Wir dürfen sie anschauen, weil sie der Höchste im Blick hat. Das Moos und die Bäume, die Gräser und Blumen, die wilden Tiere und die zahmen, alles gehört zur Krippe.


Vom Anblick des göttlichen Kindes in der Futterkrippe zehren wir noch heute.


Das Geschenk für Herz und Gemüt und Verstand heißt:

Ich empfinde und erkenne weihnachtlich, also bin ich Christ-Kind!



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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