Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn, Weihnachten

Michelfeld, 25. Dezember 2010


Gott und Mensch im Augen-Blick


Die Botschaft der Weihnacht hat die Kraft uns vor der Krippe zu versammeln; es gibt kein anderes oder besseres oder schöneres Zeichen. Es ist das Kind, das uns einlädt. Das Wort ist Fleisch geworden!

Lassen Sie uns gemeinsam das Kind anschauen und darüber nachdenken: „Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben!“ Es führt wohl kein Weg daran vorbei, dem Wunder von Betlehem auf die Spur zu kommen als im staunenden Innehalten und Anschauen.

Der allmächtige Gott ist zu uns auf Augenhöhe herabgekommen. Gott hat sich anschaulich gemacht. Alle Krippenaufbauten dienen dieser Veranschaulichung. Und es überkäme uns ein großer Schrecken, würde das Kind in der Krippe wirklich fehlen.

Aber es ist da, das Kind ist da, der Erlöser und Heiland ist da, unwiderruflich und für alle Welt.

Die unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch ist zur bleibenden Nähe geworden. Die „Präsentation“ des göttlichen Kindes auf Augenhöhe ist eine deutliche Anzeige für jeden: Die Geburt Jesu hat plötzlich etwas mit mir zu tun. Sie ist auf einmal so nahe gerückt, so auf mich bezogen und für mich geschehen, dass ich an seiner Krippe hier und jetzt stehen kann.


Und dann wird jeder von uns dem Kind in die Augen schauen wollen. Obwohl schlafende Kleinkinder in der Betrachtung auch als „Herzensvitamine“ wirken, warten wir doch darauf, dass sich die Augen öffnen. Und im Augen-Blick treffen sich Gott und Mensch.

Wenn Eltern ihr Neugeborenes betrachten, so wird ihnen intensiv bewusst, dass es dieses Menschlein vorher noch nicht gab. So können wir uns auch mit dem Gedanken vertraut machen, dass das Jesuskind vor uns geboren war, nicht nur vor 2000 Jahren, sondern überhaupt vor allem. Das fleischgewordene Wort ist aus dem Vater geboren vor aller Zeit: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.“

Wer also schaut wen zuerst an?!


Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren“, werden wir singen. So ist es. Gott war da und hat mich schon gesehen, schon an mich gedacht, bevor ich geboren wurde.

Gottes Ansehen hat mir – jedem von uns – das Leben geschenkt. Seither sind wir im Blick Gottes und haben von daher unser Leben. Das bekannte Lied von Paul Gerhardt thematisiert die Gewissheit unserer Erwählung zum Kind Gottes: zum Kind seiner Gnade!

Im Stehen an der Krippe wird anschaulich und greifbar, was sich nicht erklären lässt: „Eh’ ich durch deine Hand gemacht, da hat du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ So wird die Krippe gleichsam zur Hand Gottes, in welcher der Vater uns seinen geliebten Sohn hinhält.

Der uns hingehaltene Gott, der später alles für uns aushalten wird, hat zwei Augen. Zwei Augenpaare treffen sich. „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“ Mit unseren Augen sehen wir seit Weihnachten weiter; weihnachtlich sieht man weiter! Wer seine Augen auf Jesus gerichtet lässt, sieht bis zum Herzen Gottes. Durch das Schauen auf Jesus, den geliebten Sohn des Vaters, bekommen wir eine Gegenwart zu spüren, die alles umgreift. Es ist die Gegenwärtigkeit des liebevollen Ansehens. Der Augenblick in Liebe wird zur Brücke der Ewigkeit. Viele kleine Augenblicke ergeben eine ganze Ewigkeit.


Liebende wollen sich sogar die Sterne vom Himmel herunterholen. Das Licht der Sterne ist physikalische Unendlichkeiten weit weg und doch sehen wir ihr Licht. Ja, die Sterne der Heiligen Weihnacht sind ein treffliches Bild dafür, dass wir Christen Gott nicht mehr nur fern-sehen, sondern im Kind zu Betlehem ganz nah-sehen und deshalb miteinander mehr-sehen: das Heil und die Erlösung der Welt. Das Kind zu Betlehem ist die greifbare Offenbarung Gottes und zugleich Gottes Liebeserklärung: „Ich liebe dich – du Welt und du Mensch!“ (Karl Rahner).

Der liebevolle Augen-Blick ist eine verbindende Kraft, welcher bis in die Tiefen Gottes und in die Tiefe des menschlichen Herzens reicht und dort „vor Anker geht“. So sind die Unendlichkeiten zwischen Gott und Mensch überbrückt: Der unendliche Gott ist beim endlichen Menschen angekommen und das endliche Wesen Mensch hat – Augenblick mal! - seit Weihnachten eine unendliche Zukunft.


In der letzten Strophe (unser „Gotteslob“ enthält sie leider nicht!) drückt der Dichter sein persönliches Glaubensbekenntnis aus:

Eins aber hoff ich, wirst du mir,

mein Heiland nicht versagen:

Dass ich dich möge für und für

in, bei und an mir tragen.

So lass mich doch dein Kripplein sein;

komm, komm und lege bei mir ein

dich und all deine Freuden.“



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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