Predigt am Fest des Hl. Stephanus

Rosengarten-Westheim, 26. Dezember 2010


Ein großer Bogen spannt sich heute vom Kind in der Krippe bis hin zur Rechten des himmlischen Vaters. Wer mit dem Evangelium konfrontiert wird und vor die Krippe tritt, wird hineingenommen in die große Spannung, die zwischen dem ersten und zweiten Weihnachtstag liegt. Im Grunde ist es die Spannung zwischen dem Geborensein auf Erden und dem Wiedergeborensein für den Himmel, also zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen Geburt und Taufe. Die Taufe ist das vorgegebene Geborensein für die himmlische Wirklichkeit durch das Erlösungswerk Jesu Christi. Zwischen diesen beiden Geburtstagen, zwischen diesen beiden „Polen“ sind wir unterwegs. Weihnachten und Ostern bilden das Rahmenprogramm unseres ganzen Lebens. Deswegen sind wir einmal mehr weihnachtlich und schauen zurück, und zum andern Mal sind wir mehr österlich und schauen nach vorne. Beide Blick-Richtungen sind legitim. Wir brauchen beides. Wir brauchen die Ausrichtung in die Vergangenheit und in die Zukunft für unser persönliches Gleichgewicht. Als Christen können wir dies aber auch ohne Angst tun, denn: Schauen wir zurück – ganz weit und ganz lange – weiter als 50, 100, 500 Jahre – werden wir auf Christus treffen. Schauen wir nach vorne – weiter als 50, 100, 500 Jahre – werden wir auf Christus schauen. Auf der Reise zurück in die Vergangenheit ist uns Jesus Christus verkündet als der „Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ (Kol 1,15). Auf der Reise in die Zukunft ist uns Jesus Christus vor Augen gegeben: „Er ist der Erstgeborene der Toten“ (Kol 1,18).


So ist die menschgewordene Liebe Gottes Ausgangs- und Endpunkt der ganzen Schöpfung. Die unendliche Vergangenheit ist getragen und gehalten durch Jesus Christus und die unendliche Zukunft ist getragen und gehalten durch Jesus Christus.

Deswegen bewegen wir uns in einer „Raumzeit“ des von Ihm-her-Geborenseins. Wir sind geborgen in der Welt, die sich von Gott her – von Jesus Christus her – eröffnet. Er „öffnet“ die Welt von sich aus auf Gott hin. Deswegen offenbart sich Jesus im Johannes-Evangelium als Weg und Ziel zugleich. Wir leben also in einer umfassenden Geborgenheit auf Gott hin. Als wir ins Leben gerufen wurden, sind wir in dieses umfassende Geborensein gerufen worden. Wie ein Kind im Bauch der Mutter, so befindet sich die Welt in Gott. Oder nehmen wir die Geometrie als Bild für die Wirklichkeit. Es ist der Kreis, der durch seinen Umfang eine ganzheitliche umfassende „Geborgenheit“ signalisiert. Gönnen Sie mir ein Wortspiel: Der Kreis ist das Symbol für eine umfassende „Geborenheit“.

Es ist nunmehr verständlich, dass aus diesem umfassenden Gehalten- und Getragensein niemand herausfallen kann.


Wer davon Zeugnis geben will, der bekennt sich mit letzter Konsequenz zu Christus. Damit sind wir zurück auf dem Boden der Tatsachen. Auch ein paar Steine beeindrucken Diakon Stephanus nicht; er ist vielmehr beeindruckt von dem, was er schauen darf.

Stephanus hat den jungen Saulus beeindruckt. Vielleicht war dies die Vorgeschichte zum Damaskus-Erlebnis, bei dem der Herr von oben her „nachgeholfen“ hat, dass ein Saulus zum Paulus geworden ist. Beide sind jetzt beim Herrn vereint.

Als die Steinewerfer ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes niederlegten, der Saulus hieß, konnte noch niemand ahnen, dass nach seiner Bekehrung seine Briefe in den folgenden Jahren in allen Gemeinden vorgetragen werden würden.

Im 2008/2009 feierte die katholische Kirche sogar ein Paulusjahr.


Der heutige Gedenktag erinnert uns also daran, dass die Christusförmigkeit das „Arbeitsziel“ unseres Christseins ist.

In dieser Christusförmigkeit rücken Vergangenheit und Zukunft immer näher zusammen, denn er, der Christus, ist pure Gegenwart!

In dieser Gegenwart anzukommen, ist unsere Berufung. Immer wenn wir Gottesdienst feiern, verspüren wir seine Gegenwart in seinem Wort und in den Sakramenten des Lebens. Dieser Ruf des Lebens an uns von Christus her wird niemals enden.

Gelobt sei Jesus Christus – in Ewigkeit. Amen.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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