Predigt am 19. Sonntag im Jahreskreis C

Schwäbisch Hall, 8. August 2010


Lesung: Hebr 11,1–2.8-12

Evangelium: Lk 12,35-40


Die Sache mit Gott liegt auf einer anderen Ebene!“ Es kommt also darauf an, ob wir uns auf diese Ebene einlassen. Dann können wir nämlich „aufgrund unseres Glaubens“ leben, wie wir aus dem Brief an die Hebräer dreimal gehört haben.

Diese Perspektive des Glaubens eröffnet einen großen Horizont.


Gerade wer jetzt im Urlaub am fernen Meeresstrand etwa eine große Sehnsucht nach Weite und Unvergänglichkeit des Lebens verspürt, der kann es doch einmal probieren und den Sand in die Hand nehmen. Schon eine Handvoll Sand lässt sich weder zählen noch festhalten. Wie viele „Handvoll Sand“ liegen am Strand?

Oder – warum in die Ferne schweifen – wenn das Gute liegt so nah?


In den klaren Sommernächten gibt es genug Gelegenheit, auch zu Hause in die Sterne zu schauen und dabei „festzustellen“, dass sie nicht zählbar sind! Abgesehen davon, dass das Licht der Sterne schon in Urzeiten ausgesandt wurde, bevor es bei uns punktuell sichtbar eintrifft.

Oder zählen wir doch einmal die Blätter oder Nadeln auch nur eines einzigen Baumes! Wir kommen zum Staunen … und spüren, wir leben mitten in der Unzählbarkeit des Lebens.

Selbst die genaue Zahl der Menschen auf dem Erdball wird nie zu ermitteln sein.


Das Einzige, was wir im Zweifelsfall feststellen können, ist unser ureigener Standpunkt, von dem aus wir in die Welt hinausschauen. Der Standpunkt unter unseren Füßen ist deshalb fest, weil wir durch den Glauben an Gott rückgebunden sind an ihn, der uns aufgrund seiner Zuwendung festen Halt gibt. Deswegen ist der gottgegebene Standpunkt möglicherweise und meistens gerade der Ort, wo wir stehen, wo sich unser Lebenshaus „befindet“.


Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man noch nicht sieht.“ (vgl. Hebr. 11,1).

Wir merken, durch dieses kleine Wort „noch“ tut sich ein großer Spannungsbogen auf: zwischen dem, was uns durch Gottes Wort unverbrüchlich verheißen ist und dem, was noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Deswegen ist das Leben aufgrund des Glaubens sehr spannend, denn durch das Aufmachen dieser zwei Pole Verheißung und Erfüllung erkennen wir, dass unsere (Lebens-)Zeit eine Zeit großer Erwartung ist.


Die entscheidende christliche Perspektive dabei ist Folgende: Wir erwarten die endgültige Wiederkunft Christi, des Messias und Herrn!

Weil diese Parusie jederzeit hereinbrechen kann, ist es erforderlich, dass wir als seine „Knechte“ jederzeit bereit sind – wie die Feuerwehr auf der Wache oder der ärztliche Notfalldienst. Im Falle der Erlösung sollte – muss – darf – jeder von uns bereitstehen, um das sichtbar zu empfangen, wovon er vorher überzeugt war, was er aber noch nicht gesehen hat.


Das Spannende unseres Glaubens liegt in dem kleinen Wörtchen „noch“!

Noch ist der Herr nicht zurückgekommen.

Noch ist Zeit, aus einer Sackgasse heraus umzudrehen.

Noch ist Zeit, auf einem Irrweg umzukehren.

Vielleicht kommt der Herr aber deswegen noch nicht und er klopft noch nicht, weil seine Barmherzigkeit weitaus größer ist als die unvorstellbare Unzählbarkeit von Sand und Sternen.


Vermutlich hat er unendlich Geduld und kann auch selbst damit unendlich warten, die Hochzeit beginnen zu lassen.

Aber eigentlich möchten wir doch an der Hochzeit teilnehmen; das geht nur, wenn sie auch beginnt.

Aber: „Der Glaube an Gott liegt auf einer anderen Ebene!?“ Haben Sie sich schon darauf eingelassen? Noch nicht? Dann wird’s Zeit.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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