Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis C

Nachfeier des Festes Kreuzerhöhung (14. September)

Schwäbisch Hall, 18. September 2010


Lesung: Phil 2,6-11

Evangelium: Joh 3,13-17


Liebe Mitchristen,

liebe Kolpingfamilie!

Aus den Ablenkungen des Alltags haben Sie sich hier eingefunden. Es ist gar nicht so leicht, sich zu lösen, sich von zu Hause „loszueisen“ und „in die Kirche zu gehen“. Doch hier ist die Mitte des Lebens, hier in der Versammlung der Gemeinde Gottes will Gott selbst gegenwärtig werden im Namen seines geliebten Sohnes. In ihm ist der lebendige Gott offensichtlich offenbar geworden.


Zentrales Symbol dafür ist das Kreuz, dessen Erhöhung wir nachträglich feiern. Ich lade Sie nun ein zur Konzentration.

Das Kreuz hat zwei Balken: einen senkrechten und einen waagerechten. Die Kreuzesbalken verlängern sich als Linie nach oben und nach unten, in die Höhe und in die Tiefe; sie verlängern sich auf der Waagerechten in die Weite und in die Breite.


Wenn wir diese Linien weiterdenken, dann verlängern sie sich in das unübersehbar Unendliche. Das aber ist nicht vorstellbar. Deshalb kehren wir gedanklich um: Als Gott diese Welt geschaffen hat, wurde er konkret. Die Welt ist Gestalt seiner Liebe und Lebensmitteilung.


So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrundegeht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16).

Der Wille Gottes „um unseres Heiles willen“ wurde wiederum im Erlösungswerk seines Sohnes konkret.

In der Übertragung des Bildes mit den Linien heißt das: Die unendlichen Linien treffen sich im Endlichen, die Unabsehbarkeit von Höhe und Tiefe, von Weite und Breite kommt in der konkreten Sehbarkeit des Kreuzes zusammen.


In die Augen – in den Sinn! Der am Kreuz erhöhte Christus ist uns in den Sinn gegeben, wenn wir zu ihm aufschauen.

Die aus der Glaubensperspektive angefertigte Darstellung des Gekreuzigten erzeugt Glauben.


Wenn wir ein Kreuz betrachten, so hat dies jemand vor uns und für uns dargestellt.

Nehmen wir das hier angebrachte zentrale Altarkreuz von Goldschmied Berthold Herzer aus Schwäbisch Gmünd.

Bei der Betrachtung entsteht ein Dreieck: Angenommen, ich sei jetzt der Goldschmied, das ist das Kunstwerk und Herr/Frau ist der/die Betrachter/in.

Innerhalb dieser Formation ( zeigen!) geschieht etwas:

Der Eindruck des Künstlers kommt im Kunstwerk zum sichtbaren Ausdruck. Dieser erzeugt wiederum im Betrachter einen Eindruck. In diesem Fall sind wir vom Kreuz und zwar von diesem Kreuz hier beeindruckt, jeder auf seine individuelle Weise.

Die Botschaft des Kreuzes ist über diese Darstellung weitergegeben, auch in diesem Fall „nur“ über das Auge, denn es hängt ja so hoch, wir können es weder riechen noch schmecken und auch nicht mit den Händen berühren.


Wir können es auch nicht hören.

Es ist uns nur möglich, zu ihm aufzuschauen. Und es arbeitet „stumm“.

Es spricht uns an, obwohl es keinen akustischen Laut von sich gibt.

Es ist eine relativ abstrakte Kreuzesdarstellung. Zu sehen sind sieben Edelsteine, so genannte Amethyste.


Sie sind für uns das Zeichen der sieben Sakramente, die in der Kirche gespendet werden und uns Christus einverleiben.

Denn aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus ist das wunderbare Geheimnis der ganzen Kirche hervorgegangen“ (II. Vatikanisches Konzil).


Wenn wir gemeinsam auf das Kreuz schauen, wenn wir den Blick darauf nicht verlieren und vor allem ihn auch anderen zugänglich machen, dann erneuert sich die Kirche vor Ort. Dann wird sie neu geboren und geht neu hervor. Dann empfangen wir für unser persönliches Leben das Wunderbare: die unendliche Liebe Jesu Christi, die uns nie fallen lässt und uns immer neu an sich zieht.


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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