Hochfest der Gottesmutter Maria, Neujahr, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 1. Januar 2011


Erste Lesung: Num 6,22-27

Zweite Lesung: Gal 4,4-7

Evangelium: Lk 2,16-21


Liebe Mitchristen,

mit welcher Einstellung beginnen wir heute am Anfang des neuen Jahres? Mit welcher Haltung gehen wir in das Jahr 2011? Gut, dass ich aus Oberschwaben komme, da gibt es eine schwäbische Gelassenheit: Morgen sieht man weiter. Gestern konnten wir deswegen auch sagen: Nächstes Jahr sieht man weiter. Mit dem Licht des neuen Tages sieht man tatsächlich die alten Angelegenheiten von gestern in einer neuen Perspektive, vielleicht sogar in einer überraschend neuen Perspektive.


Es kann doch der Fall sein, liebe Mitchristen, dass sich eine neue Perspektive auftut, die von daher kommt, dass Gott sein Angesicht über uns leuchten lässt, so wie der aaronitische Segen aus der ersten Lesung uns verkündet hat. Ein neuer Blickwinkel lässt manche Dinge neu aufscheinen. Wenn das leuchtende Angesicht Gottes uns die neue Perspektive geschenkt hat, dann gilt es auch, dieser neuen Einsicht zu folgen! Sonderbar, dass schon damals vom Antlitz Gottes die Rede ist. Antlitz ist ja ein wunderbares Wort, ein anderes Wort für Angesicht. Sonderbar, dass schon damals vom Antlitz Gottes die Rede ist, obwohl Jesus noch nicht geboren war. Man kann sich wohl als Mensch die gnädige Zuwendung des Herrn, Gottes Zuneigung und Erbarmen nur vorstellen im Ausdruck eines Angesichtes, welches den Menschen wohl wollend anschaut.


Das ist uns in Jesus Christus offenbar geworden: Gott in Menschengestalt mit zwei Augen, die uns anschauen. Aber schon damals wurde den Menschen dies nur konkret bewusst im Ausdruck eines Angesichts. Sie wissen sich von Gott angeschaut und empfangen von ihm her ihr eigentliches Ansehen, ein Ansehen, das kein Mensch ihnen nehmen kann. In einem Psalm heißt es: „Das Auge des Herrn ruht auf allen, die ihn fürchten und ehren“ (Ps 33,18). Anders gesagt:“ die Ehrfurcht vor ihm haben“ – und mit dieser heiligen Scheu vor Gott können wir gut in das neue Jahr gehen.


Eine kleine – schwäbische – Theologie heißt so: Der Herrgott sieht natürlich noch viel weiter als nur bis zum nächsten Tag. Der Herrgott sieht und erkennt und weiß alles. Aber da er uns in Christus menschenfreundlich erschienen ist, brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Angst ist etwas anderes als Ehrfurcht. In seiner Menschenfreundlichkeit sieht Gott für uns den Weg vor, also die nächsten Schritte, auch wenn wir nur einen Schritt weit sehen. Das meint keine Vorherbestimmung, der man bedingungslos ausgeliefert ist, denn die Bedingung des Menschen von Gott her ist seine Freiheit. In dieser Freiheit, die uns nur von Gott gegeben sein kann, können wir der Vorsehung Gottes freiwillig folgen im Sinn einer Wegbereitung. Gott bereitet uns den Lebensweg.


Gottverbundenheit erzeugt nicht etwas Gleichförmiges, denn jeder Tag ist anders und jedes Weihnachtsfest hat Folgen. Es soll uns christusförmig machen in der Gestalt, dass wir Gott Vater nennen und zu ihm aufschauen dürfen, weil der Geist Gottes in unser Herz gesenkt ist und wir von daher wie Jesus „Abba, Vater“ sagen können.


Gottverbundenheit ist auch nicht etwas, das uns in eine Verengung führt, gleichsam in eine Sackgasse, wo man dann stecken bleibt. Gottverbundenheit erzeugt vielmehr etwas, was sich wie ein Blickwinkel, wie eine neue Perspektive auftut und uns den ganzen Horizont des Lebens eröffnet wie ein großer Bogen, der sich über unser Leben spannt. Damit sind uns auch die Möglichkeiten gegeben, welche Gott uns zukünftig bereitet: viele neue Perspektiven eines möglichen gangbaren Weges. Wir können uns dann entscheiden und entschieden und konsequent unseren Weg gehen.


Gott bereitet jedem von uns den Weg – heute in das neue Jahr, aber auch grundsätzlich ist unser ganzer Lebensweg von Gott bereitet. Anfang und Ende sind in Gottes Hände gelegt.


Wir nehmen das besonders wahr, wenn wir uns dem Segen Gottes aussetzen, wenn wir die Gottverbundenheit suchen, aufsuchen und grundsätzlich wollen. Der Segen Gottes wird uns vor allem dann bewusst, wenn er uns direkt zugesprochen wird: „Du bist gesegnet!“ Wenn Gott dich segnet und damit in Anspruch nimmt, dann bist du im Plan seiner Liebe eine wichtige Person in einem großen Zusammenhang, den Gott mit der Welt insgesamt vorhat. Du bist eine wichtige Person, denn du kannst nach Gottes Willen leben und nach seinem Willen die Welt verändern – im Anschluss an Jesus Christus, der ganz im Willen seines Vaters gelebt hat und sogar sagen konnte: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). So wird durch Christen die Welt nach Gottes Willen gestaltet. Eine wichtige Orientierung dafür sind die Seligpreisungen.


Liebe Mitchristen, der Segen „Der Herr lasse über dir sein Angesicht leuchten“ bedeutet also, dass wir in diesem Licht erkennen: Gott bereitet uns den Weg. So können wir jeden Tag des neuen Jahres und grundsätzlich in dem Bewusstsein beginnen: Gott bereitet dir, Gott bereitet mir, Gott bereitet den anderen heute den Weg. Vieles Gute erfahren wir jeden Tag, das wir selber nicht machen oder herbeiführen können. Gott bereitet dir den Weg heute – und Gott hat etwas mit dir vor – heute! Wie Maria können wir sagen: Ja, mir geschehe nach deinem Wort! Mit dieser Einstellung können wir uns ein gutes neues Jahr wünschen! Von Gott her wird unser Leben gut, wenn wir es nur geschehen lassen. Ja, guter Gott, uns geschehe nach deinem guten Wort!


Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

zurück