Predigt am 2. Sonntag nach Weihnachten, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 2. Januar 2011


Erste Lesung: Sir 24,1-2.8-12

Zweite Lesung: Eph 1,3-6.15-18

Evangelium: Joh 1,1-18



Weihnachtliches Vertrauen in die Bildhaftigkeit


Nicht wahr, liebe Mitmenschen, da sind wir uns doch ganz schön einig: Niemand hat Gott je geschaut. Gott kann man doch nicht sehen! Wie soll man den sehen, der alles erschaffen hat, der jedes Detail kennt und der das Menschengeschlecht ins Leben gerufen hat. Wie sollen wir den sehen, der uns das Auge eingepflanzt hat?!

In dieser Hinsicht sind wir als Geschöpf dem Schöpfer ganz schön ausgeliefert…


Damit dem nicht so ist, hat Gott schon selbst dafür gesorgt: Deshalb wird im Alten Testament die Weisheit genannt als Vermittlung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Sie wird dabei personifiziert und erfüllt alles Geschaffene. Doch vor allem wohnt sie in der Nachbarschaft zum Volk Gottes und sogar in seiner Mitte.


Das unterscheidend Christliche besteht nun darin, dass Gottes Weisheit Fleisch angenommen hat in Jesus Christus. Deswegen wird im Evangelium angefügt: „Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ Als Christen sind wir also durch Jesus Christus göttlich informiert. „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Information heißt auf Deutsch Mitteilung, das bedeutet: Teilung aus der Mitte. Die Wohnung des menschgewordenen Gotteswortes befindet sich mitten im Volk Gottes des neuen Bundes: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Deswegen ist das Ursakrament die Versammlung in Jesu Christi Namen, dann können wir die Gegenwart Christi auch spüren. Die Gegenwärtigkeit Gottes, seine Wohnung unter uns, können wir bei Jesus Christus wahrnehmen; er ist der Gewährsmann Gottes, dass die Kunde von Gott her stimmt und dass die gute Nachricht stimmt. Jesus Christus ist der „Informant“ Gottes; er hat uns informiert und uns Instruktionen gegeben, zu Gott zu gelangen.


Als Pilger sind wir unterwegs und brauchen Wegweisung. Deswegen spricht der Epheserbrief die Bitte aus, dass Gott selbst die Augen unseres Herzens erleuchte. Das ist seit Weihnachten möglich, denn „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Damit wir zu Jesus Christus gelangen und durch ihn zur Gemeinschaft der Heiligen bei Gott, dazu ist uns zweierlei Licht gegeben. Das äußere Licht erleuchtet die körperlichen Augen; das innere Licht, das von Christus her jeden Menschen erleuchtet, erleuchtet das Auge unseres Herzens.

Also können wir in gewisser Weise schon jetzt Gott sehen in Jesus Christus. Dieser wurde und wird in der Kunst auf vielfältige Weise dargestellt.


Provozierend richtig ist, dass die Bildhaftigkeit des Menschen eine wichtige Ebene der Wahrnehmung darstellt. Wir denken und reden in Bildern. Und wir leben in einem visuellen Zeitalter. Für die Nachrichten in der Television, sprich im Fernsehen, braucht es immer auch zusätzlich Bilder, welche die Informationen illustrieren.


So ist es vergleichsweise auch bei der guten Nachricht des Evangeliums. Diese müssen allerdings gut ausgewählt sein, um die Frohe Botschaft zu verinnerlichen. Das heißt, die Bilder werden aus dem Inneren geschaut, sie werden durch das erleuchtete Auge des Herzens gesehen.


Deswegen braucht die Übersetzung des Evangeliums ins Hier und Heute entsprechende Bilder, welche die Nachricht von der Menschwerdung Gottes illustrieren, verdeutlichen und vertiefen.

Das heißt: Der äußere sinnliche Reiz eines religiösen Bildes wird zum Anlass eines Aufsehens des inneren Auges im Herzen.

Für die Sehkraft sorgt Gott selbst. Gott, „der Herz und Nieren prüft“, schenkt uns den Geist der Weisheit und Offenbarung, um ihn zu erkennen in seiner Wegweisung – gerade eben auch durch ein religiöses Bild.


Deswegen sind die Bilderstürmer der Kirchengeschichte Leute, die zwar angestiftet wurden durch die Übertreibungen im Gebrauch von Bildern und Statuen, aber sie konnten im Grunde die Gradwanderung im Umgang mit Bildern nicht aushalten. Schließlich ist Gott durch seine Menschwerdung in der Gestalt Jesu Christi verbindlich anschaulich geworden. In seiner Person hat uns Christus eine verbindliche Anschauung Gottes gegeben. „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (vgl. Joh 14,9), hören wir im Johannes-Evangelium. Gott hat sich gleichsam in Christus der Welt „vorgestellt“.


Das Kind in der Krippe ist ein solches Bild. Wenn wir hinschauen, erkennen wir uns selbst in unserer Beziehung zu Christus und damit zu Gott. Das Bild zieht uns als Wegweisung in die richtige Richtung. Bilder geben intensive und intuitive Signale, welche unser religiöses Handeln bestimmen.


Religiöse Bilder sind allerdings oft vieldeutig und oft sehr offen nach allen Richtungen. Deswegen brauchen wir die Weisheit Gottes für die Spurensicherung in unserem Leben und eben auch in der Interpretation eines Bildes auf Christus hin. Sehen und erkennen ist genuin das Werk Gottes selbst. Deshalb hörten wir in der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach: „Die Weisheit lobt sich selbst, sie rühmt sich bei ihrem Volk. Sie öffnet ihren Mund“, auch durch Kinder und Säuglinge (vgl. Ps 8,3).


Durch die Menschwerdung hat Gott uns über die Sinne zusätzlich eine innere Wahrnehmung geschenkt; es ist die Erleuchtung des Herzens, durch die wir die Dinge so sehen können, wie Gott will. Keine Angst also vor Bildern!

Denn es ist Weihnachten geworden! Der Erlöser ist geboren und wir können uns nicht satt sehen. Gott gibt uns für unseren weihnachtlichen Lebensweg immer wieder neue Augen-Vitamine!


Ja, wir können in gewisser Weise Gott sehen, das ist das entscheidend Christliche. Und alle Christusbilder vermitteln den einen Christus, bis wir ihn unverhüllt schauen von Angesicht zu Angesicht.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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