Predigt am Vorabend zum Hochfest, Erscheinung des Herrn, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 5. Januar 2011



Lesung: Jes 60,1-6

Evangelium: Mt 2,1-12


Wegweisung durch äußere Beobachtung und innere Wahrnehmung


Endlich sind sie da: die Magier aus dem Osten! Erst heute sind sie an der Krippe in den Vordergrund gekommen.

Zu mancher Weihnachtskrippe ziehen Sterndeuter, die durch ihr Aussehen den afrikanischen, den asiatischen und den europäischen Kontinent vertreten. Andere künstlerische Darstellungen der Geburt Christi ordnen die Sternsucher den menschlichen Lebensaltern zu: Jugend, Erwachsenenalter, hohes Alter. Die Darstellungen der Weisen aus dem Morgenland als Vertreter der ganzen Menschheit, sinnenfällig durch ihre Zuordnung zu den drei Altersstufen und zu den drei bekannten Erdteilen, begegnet seit dem Spätmittelalter. … Die Maler und Bildhauer haben den biblischen Gedanken gut verstanden – und sie verstanden es, ihn sinnenfällig zu machen: Israels Gott will für alle Menschen das Heil. Im Messias Jesus strahlt Gottes Stern in alle Welt.“1


Wichtig ist auch, dass die Dreikönige zuerst zu König Herodes geführt werden. Damit ist ihr Auftreten „angebunden“ an diese konkrete Gestalt der Weltgeschichte.

Das ist ein Zeichen dafür, dass Gott in seiner weisen Führung uns dort abholt, wo wir uns mit gewohnten Vorstellungen befinden. In diesem Fall: wo die Magier zunächst einen neugeborenen König vermuten. Damit nimmt Gott die Vorgegebenheit dieser Welt ernst und führt durch sie – und nicht an ihnen vorbei! – uns zu sich!


Vom Ergebnis her betrachtet, haben die Sterndeuter aus dem Osten den Messias gefunden. Es war sicher nicht einfach, aber sie sind bei Jesus, dem Christus angekommen.

Sie sind deshalb ein Zeichen dafür, dass auch wir – jeder von uns – seinen Weg zu Jesus und damit zu Gott finden kann.

Das Fest der Erscheinung des Herrn ist ein Tag der Ermutigung, dass wir unter den unzählbaren Sternen eben doch den Stern erkennen können, der uns zu Jesus führt, zu dem König, der ganz unadelig in einem Hirtenstall zur Welt kam.


Der Dreikönigstag als Abrundung der Weihnachtsbotschaft ermutigt uns dazu, uns wieder neu auf den Weg zu machen, Gott zu suchen. Gilt nicht die Verheißung des Evangeliums insgesamt: „Wer sucht, der findet“ (Mt 7,8)?

Voraussetzung unsererseits ist, dass wir Menschen sind oder werden, die sich auf den Weg machen. Gott suchen und finden geht nicht ohne den eigenen Beitrag.


Aber dann gibt uns der lebendige Gott in der großen und kleinen Welt, die uns umgibt, zahlreiche Hinweise. Der Makrokosmos und der Mikrokosmos stecken voller Anzeichen, die uns wie ein Stern aufstrahlen.

Die weisen Männer aus dem Morgenland beschäftigen sich mit den Sternen und ihren Gesetzmäßigkeiten. Sie wussten um die … Dimensionen des Raumes und entdecken nun am astronomischen Horizont eine seltene einzigartige Konstellation der Sterne. Die Astronomen sagen uns heute, dass im Jahr 7 vor der Zeitrechung die seltenste aller periodischen Himmelsereignisse auftrat, eine so genannte „coniunctio magna“ des Jupiters und des Saturns. Beide Sterne standen am Sternenhimmel so nahe hintereinander, dass sie wie ein einziger großer strahlender Doppelstern erscheinen mussten. Und das geschah drei Mal hintereinander in einem einzigen Jahr.“2 Diese astronomische Besonderheit wurde für die Gottsucher zum äußeren Anlass, sich aufzumachen.


Dazu kam der innere Antrieb. Auf zweifache Weise wurden sie also auf den Weg gebracht: durch eine äußere beobachtbare Sonderbarkeit und durch eine innere wahrgenommene Absicht. So haben sie den neugeborenen König gefunden. Sie haben ihrer eigenen Wahrnehmung vertraut, auch der „Wahrnehmung“ im Traum. Deswegen tragen sie zu Recht den Titel: die Weisen aus dem Morgenland.


Liebe Mitchristen!

Wo lassen Sie „finden“? Oder sollten wir nicht vielmehr selber nach Weisheit streben?

Vertrauen wir doch wieder neu unserer je eigenen Wahrnehmung! Wir können für unser Leben die Führung ausmachen! Auch wir können kombinieren: äußere Beobachtung und innere Wahrnehmung!

Wir können diese Kombination voller Vertrauen wagen, um unseren je eigenen Weg zur Krippe zu finden. Dazu gibt uns der lebendige Gott ganz gewiss seine Wegweisung.


Die Aufgabe der je eigenen Wahrnehmung ist im eigentlichen Sinn persönliche Hausaufgabe für Kopf, Herz und Hand. Es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive wir in die Welt hinausschauen. Ich glaube, das Kind in der Krippe will uns seinen Blickwinkel schenken, wenn wir ihm die Schätze aus unserem Leben zu Füßen legen.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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