Predigt am 2. Adventssonntag, Lesejahr C

Schwäbisch Hall, 6. Dezember 2009

 

Kyrie

Herr Jesus Christus, du hast dir Mirjam von Nazaret als Mutter erwählt.

Herr Jesus Christus, du hast dich von Johannes dem Täufer ankündigen lassen.

Herr Jesus Christus, du hast dich im Schoß deiner Mutter tragen lassen.

 

Lesung: Bar 5,1-9

Evangelium: Lk 3,1-6

 

Nach Ausweis des Evangelisten Lukas ist es sehr wichtig, dass wir zu Sehenden werden, um das, was es zu sehen geben wird, auch wirklich sehen. Unverbrüchlich zugesagt ist uns – schwarz auf weiß! – aufgeschrieben im Buch der Bücher, in der Heiligen Schrift: „Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt!“ So, liebe Mitchristen, ist uns versprochen und verheißen.

 

Es gibt aber Voraussetzungen unsererseits: Es ist notwendig, dass wir unseren Beitrag leisten. Der unbequeme Zeitgenosse, Johannes der Täufer, mahnt uns dazu: „Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken.“ Wir dürfen das nicht missverstehen. Denn sonst könnten wir überall dorthin gehen, wo aufgrund diktaturähnlicher Entscheidungen riesige Erdbewegungen mit riesigen Maschinen gemacht werden und klimaschädliche Großprojekte aus dem Boden gestampft werden.

 

Damals waren das Reisen und die Fortbewegung und der Transport noch viel mehr mit der Mühseligkeit des Auf und Ab verbunden. Die beiden eigenen Beine und die vierbeinigen Tiere haben das intensiv gespürt. Von daher bekommt das Bild seine Berechtigung. Aber heutzutage überfahren oder überfliegen wir die hohen Berge und die tiefen Täler oder es werden Tunnels durch das Erdreich gebohrt.

Bei diesem Energieaufwand pusten wir ganze Berge in die Luft. Diese kommen irgendwie und irgendwo und irgendwann wieder herunter.

 

Das umweltschädliche Verhalten wird „gerecht“ auf alle Menschen verteilt. Diese ironische Negativfolie soll aber umschlagen in die Einsicht, dass alle Menschen, vor allem jeder Christ sich daran beteiligen soll, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die das Heil, das von Gott kommt und das Gott für uns vorgesehen hat, noch verhindern und aufhalten.

 

Ermutigen will uns dazu die Lesung aus dem Buch Baruch: „Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Die Herrlichkeit des Waldes wird da verglichen mit Gottes Herrlichkeit.

Der Wald ist der Heimat schönstes Kleid, die wichtigste Voraussetzung für die Fruchtbarkeit unseres Landes, das grüne Sanatorium des geplagten Menschen von heute. Selbst wenn er gar keinen Ertrag mehr abwerfen würde, müssten wir ihn erhalten, soll nicht unsere Kultur zugrunde gehen“ (Lambertin).

 

Wenn wir diese Parallele ziehen – Mensch und Baum – und den neuesten Waldbericht bedenken, wie er am Mittwoch in der Zeitung stand, dann macht das sehr nachdenklich. „Jeder vierte Baum ist geschädigt.“ Der so genannte saure Regen, der vor 30 Jahren aufgeschreckt hat, spiele keine Rolle mehr, aber zunehmend mache der allgemeine Klimawandel dem Wald zu schaffen.

 

Jeder einzelne Mensch ist zunehmend global vernetzt, umso größer ist die Verantwortung des Einzelnen, umso mehr sind wir Christen aber auch in die Pflicht genommen. Die religiös-soziale Bindung des Christen ist gleichsam die Assimilationsmasse eines Baumes. Die Blatt- oder Nadelmasse eines Baumes atmet im Sonnenlicht. Vergleichen wir auch eine Gemeinde mit einem Baum, so atmet sie im Licht Christi aus und ein.

Eine atmende Gemeinde ist eine lebendige Glaubensgemeinschaft. Wir sammeln uns um die gemeinsame Mitte und gehen wieder auseinander an je unseren eigenen Platz, um unser Mensch- und Christsein zu leben.

 

Wenn wir das Bild vom Baum weiter ausmalen, dann gilt es zu bedenken, dass keiner dem anderen gleicht. Also: Weder Bäume noch Menschen gleichen sich. Jeder ist einzigartig. Was aber die Menschen in ihrer Gleichheit auszeichnet, ist, dass für alle gleichermaßen Erbarmen und Gerechtigkeit von Gott kommt.

 

Zudem wächst ein Baum konzentrisch um seine Mitte – sichtbar an den Jahresringen. Deswegen ist es ein gebot der Stunde, dass jeder Einzelne und unsere Gemeinden sich neu auf Christus konzentrieren.

Die Verankerung in Christus ist gleichsam wie das Mark eines Baumes der innere Lebensnerv der Gemeinde.

 

Je größer der Aktionsradius eines Menschen wird, desto verlässlicher muss seine religiös-soziale Rückbindung sein. Je intensiver die religiös-soziale Rückbindung von uns Christen ist, desto fruchtbarer wird unser Tun zum Wohl der ganzen Schöpfung. Die Täler, die es aufzufüllen gilt, und die Berge, die wir abtragen sollen, sind die Hindernisse von Mensch zu Mensch. Wenn wir diese überwinden, werden wir gemeinsam frei für das gute Verhalten, wie Gott es will. Wenn das sichtbar wird, leuchtet der Ansatz auf von dem, was wir biblisch als Heil bezeichnen, das allen Menschen und der ganzen Schöpfung zuteil werden soll.

 

Wälder und duftende Bäume spenden dem Volk Gottes Schatten auf Gottes Geheiß. Ein wunderbares Bild dafür, dass Gottes Zuwendung zu seinem Volk bewundernswert neu ist und uns die Augen öffnet: Es gibt einen Zusammenhang: kranke Bäume – kranke Seelen!

 

Nur mit Gottes Hilfe, auf die wir uns aber einlassen müssen, nur mit Gottes Hilfe werden beide wieder gesund: zuerst der Mensch, dann der Baum. Ein gesunder und geheilter Mensch, ein gesunder und duftender Baum sind die Anzeiger für Gottes Herrlichkeit. Die Hoffnung, das auch wirklich zu sehen, dürfen wir nie aufgeben!

 

 

Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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