2. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 16. Januar 2011


Einführung


Zwei Dinge machen eine persönliche Beratung interessant: Leute sind positiv davon berührt, wenn man die Fragen anspricht, die sie schon länger bewegen, und wenn man dabei gemeinsam nach Antworten sucht, in denen der Ratsuchende sich persönlich findet.

Heute gehen wir mal in die Beratung zu Jesus. Auf dem Türschild steht:


Jesus Christus, Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

Herr, erbarme dich.


Jesus Christus, Gesalbter des Herrn, Heiland und Erlöser.

Christus, erbarme dich.


Jesus Christus, Sohn Gottes vor aller Zeit.

Herr, erbarme dich.



Erste Lesung: Jes 49,3.5-6

Zweite Lesung: 1 Kor 1,1-3

Evangelium: Joh 1,29-34


Stündlich gute Voraussicht


Liebe Mitchristen!


Mittlerweile ist das neue Jahr schon 16 Tage alt. Die Jahresrückblicke 2010 haben wir gesehen und jetzt warten wir noch auf den Jahresvorblick für das Jahr 2011. Die Vergangenheit liegt hinter uns, wir können sie nicht mehr verändern. Nun gilt es, wagemutig und vertrauensvoll nach vorne zu schauen.


Da gibt es zum Beispiel die Astrologen, welche Horoskope erstellen, und Kartenleser und viele andere. Die Menschen suchen nach Gewissheiten, um ihre Zukunft sicherer zu machen. Horoskope in den Zeitungen werden tatsächlich gelesen. Meine Taufpatin liest sie auch, hat aber hinzugefügt, dass sie hofft, dass sich nur das Gute davon erfüllt. Es ist interessant, finde ich, denn für das betreffende Tierkreiszeichen steht ja ein fester Text, der dann von sehr vielen Menschen gelesen und gedeutet wird. Jeder interpretiert daraus ganz individuell seine Erwartungen für die nächste Zeit.


Man braucht kein Horoskop-Fan zu sein, um festzustellen, dass die uns umgebende Umgebung ihren Einfluss ausübt. Der Mond „produziert“ ja auch Ebbe und Flut und das tägliche Wetter wirkt sich auf unsere persönliche Stimmung aus.


Welches Programm bietet nun unsere Kirche an in der Vorschau auf das Jahr 2011? Hier gilt das Wort Johannes des Täufers: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“


Wer von uns ist ohne Sünde?

Sünde ist Lebensplanung ohne Gott, denn eine solche führt weiter von Gott weg. Eine Lebensplanung mit Gott, die Gott miteinbezieht, führt näher zu ihm. Aber für beide Gruppen gilt, dass dieser Jesus die Sünde hinwegnehmen kann, tilgen und löschen kann. Wenn wir also unseren Blick auf das Lamm Gottes richten, dann beginnt die Tilgung. Das ist vergleichsweise bei Jesus leichter als bei einer Bank. Grund der Tilgung ist unser Bekenntnis zu ihm, in der Antwort auf das Zeugnis des Johannes: „Er ist der Sohn Gottes.“ Im Grunde ist dies ein kurzes Credo, eigentlich das ursprüngliche Glaubensbekenntnis der Christen:

Jesus Christus – Gottes Sohn – Erlöser.

Jesus Christus – Gottes Sohn – Retter.

Jesus Christus – Gottes Sohn – Sündenhinwegnehmer.

Jesus Christus – Gottes Sohn – Heiland der Welt.


Wie können wir also einen Schritt in die Zukunft machen? Doch wohl nur in dem Bewusstsein, einerseits Sünder zu sein und Fehler zu machen und andererseits zu wissen, dass jemand für unsere Fehler aufkommt!


Wenn wir ihn nicht aus den Augen verlieren, wenn wir unsere Augen auf das Lamm Gottes gerichtet lassen, bekommen wir den Wagemut, getrost in die Zukunft zu gehen – jeden Tag des neuen Jahres, denn die Bürgschaft für unseren Lebensweg ist bei Jesus Christus hinterlegt. Daraus erwächst Lebensermutigung trotz Fehlerhaftigkeit. Wir können tun, schaffen und machen, obwohl wir dabei auch Fehler und Sünden riskieren. Aber dieses Risiko ist in die Kompetenz Gottes gegeben, das ist sozusagen die „fächerübergreifende Kompetenz des lieben Gottes“ im Umgang mit uns. Er hat uns die Aufgabe gestellt, unser je persönliches Leben zu bewältigen nach seinem Plan und Willen. Wir werden dafür auch eine „Note“ bekommen. Sie wird mit roter Tinte geschrieben sein, denn in unserer Taufe haben wir das Feuer des Heiligen Geistes empfangen und zwar von Jesus selbst, der mit Feuer tauft.


Johannes taufte mit Wasser, Jesus tauft mit Feuer. Es gibt nichts, was nicht zusammenpassen kann, wenn es um das Heil des Menschen geht. Auch Johannes der Täufer und Jesus haben zunächst nicht „zusammengepasst“, aber Gott, der das Heil aller Menschen will, hat sie „passend“ gemacht, dergestalt, dass der mit Wasser Taufende dem Volk Gottes den bekannt gemacht hat, der mit Feuer tauft. Johannes führte damit aus, was ihm gesagt wurde und bekam dazu den Hinweis zu erkennen, wer es sei: „Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.“ Damit hat Johannes in die Zukunft geschaut, was sich nach ihm auch ereignet hat.


Jesus, das Lamm Gottes, schenkt uns seinen Heiligen Geist, der auch auf uns bleibt. Damit besitzen wir ein inwendiges „Horoskop“, das sich noch persönlicher auswirkt als alle anderen uns umgebenden Einflüsse. Dieses inwendige „Horoskop“ können wir täglich und der wörtlichen Übersetzung nach sogar stündlich einsehen, wenn wir nur darum bitten. Horoskop heißt ja „Stundenseher“.


Wir können stündlich den Weg von Gottes Wohlgefallen gehen. Die Gabe des Heiligen Geistes wirkt sich aus in jedem noch so kleinen Detail und jedes Detail besitzt seine Auswirkung im Großen. Jede Stunde in die falsche Richtung vergrößert den Abstand zu dem geraden Weg, den Gott für uns vorgesehen hat, und jede Stunde in die richtige Richtung – wie beispielsweise heute Morgen in diesen Gottesdienst – bringt uns Gott näher. Die stündliche Einsicht in die Gaben des Heiligen Geistes nimmt Fehler und Sünden hinweg, bringt uns auf den Weg der Heiligkeit und ist so gesehen immer aktuell persönliche Zuwendung.


Wir haben uns zum neuen Jahr alles Gute gewünscht. Die Zuversicht, dass alles gut geht, erhoffen wir uns von dem persönlichen Beistand Gottes, dem Heiligen Geist, der dies auch ganz persönlich bewirken kann. Große Erwartungen brauchen eine große Adresse. Die stündliche Einsicht ist also die, in jedem Augenblick ganz und gar dem zu vertrauen, von dem Johannes der Täufer sagt: „Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.“



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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