4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 30. Januar 2011



Lesung: Zef 2,3;3,12-13

Evangelium: Mt 5,1-12a



Die Demut ist in Verruf gekommen – schon vor Jahren. Man könnte sie unter die Geschwister rechnen von anderen Begriffen wie etwa Bescheidenheit, Keuschheit oder Ehrfurcht. Es sind Begriffe, die sich einer inneren Haltung nähern, Begriffe, die wir heute wenig beachten, die nicht mehr „in“ sind. Allzu schnell verstehen wir unter Demut das billige Ja-Sagen zu allem und verwechseln Demut mit Demütigung.

Gott will keine Gedemütigten. Der Prophet Zefanja rät uns deshalb, den Herrn zu suchen und nach seinem Recht zu leben. In der Folge regt er die Suche nach echter Demut an und stellt ein demütiges und armes Volk vor Augen, das beim Herrn seine Zuflucht sucht und findet: „Niemand schreckt sie auf, wenn sie ruhen.“


Der Ausdruck Demut kommt aus dem Althochdeutschen. Er bedeutet soviel wie „dienstwillig“ sein bzw. die „Gesinnung eines Dienenden“ haben.

Liebe Mitchristen, aus unserem Mund könnte das so gesagt sein: Ich habe das Dienen im Sinn. Jetzt fragt sich nur: wem und für was?


Eine ältere, etwas verwirrt geltende Frau hat vor einigen Jahren mir gegenüber eine Bemerkung dazu gemacht: „Heutzutage will niemand mehr in den Himmel kommen, heutzutage wollen sie alle verdienen.“ Es geht also in unserem Kontext darum, dass die Demut auf Gott bezogen ist und dass ihm unsere Dienstbarkeit gilt.


Nehmen wir Jesus Christus als Vorbild: Er hat einen Blinden einmal gefragt: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ (vgl. Mk 10,51). Wenn er dabei spürte, dass im Wunsch des anderen der Wille Gottes durchscheint, dann hat er gehandelt. Wenn wir also christlich demütig sein wollen, dann kommt niemand daran vorbei, in den Gegebenheiten des Lebens nach dem Willen Gottes zu suchen und vor allem mit den Menschen, mit denen wir es zu tun haben, den Willen Gottes herauszufinden. Wenn wir dann folgerichtig handeln, kommt es zu einem stimmigen Ganzen, das beiden Menschen weiterhilft, dem anderen und mir selber. Denn dann ist etwas in einem großen Zusammenhang stimmig geworden und passend gemacht worden; das ist der große Zusammenhang des Vorhabens Gottes mit der ganzen Welt. Diese Einordnung in den großen Horizont des Himmelreiches, den der lebendige Gott und Vater Jesu Christi eröffnet, bringt uns auf den Weg der Demut.


Jesus preist die Demütigen selig und gibt ihnen dadurch den Mut, auf die Vollkommenheit Gottes zu setzen, der die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Gerechtigkeit wirklich vollkommen herbeizuführen vermag. Jesus sagt nicht, dass er die Mangelsituationen sofort abstellt, sondern er gibt seinen Hörern den Mut, die jetzige Situation realistisch als Mangelsituation zu benennen, sich aber damit nicht zufrieden zu geben, sondern alles Sehnen und alle Erwartung auf Gott zu richten und seinen vollkommenen Möglichkeiten zu vertrauen. Das versteht Jesus unter Armut.


Für mich gehört zur Demut auch die Zugehörigkeit zur Kirche. Öfters begegne ich der Einstellung: „Ich glaube zwar an Gott, brauche aber dazu die Kirche nicht!“

Das Gegenteil ist die demütige Einordnung in den eigentlich sehr großen Gotteserfahrungsraum Kirche. Ich nehme damit die Vorfahren und die Geschwister im Glauben ernst und bekenne, dass ich in meiner persönlichen Suchbewegung nach Gott die Glaubensgemeinschaft brauche. Deswegen darf jeder auch nach einer langen oder sehr langen Pause wieder auftauchen und teilhaben am großen Schatz der Glaubenserfahrungen. Demütig ist die Einstellung, wenn ich sagen kann: „An Gott zu glauben, das schaffe ich nicht allein. Da möchte ich ganz armselig sein.“ Dann werde ich auch umso reicher beschenkt, weil Gott mit mir und mit seinem Volk und mit der ganzen Menschheit auf dem Weg ist.


Wir sind mit Gott unterwegs! Die Hauptgebete der Eucharistiefeier stehen immer in der Wir-Form, denn dann ist auch jeder persönlich gemeint in seinem Gegenüber zum großen Du Gottes. So lautet das heutige Tagesgebet: „Herr, unser Gott, du hast uns erschaffen, damit wir dich preisen. Gib, dass wir dich mit ungeteiltem Herzen anbeten und die Menschen lieben, wie du sie liebst.“ Bleibt in der Erhörung dieser Bitte noch etwas zu wünschen übrig?


Jesus hat die Demut vollkommen vorgelebt und ist so zum Dreh- und Angelpunkt der Erfüllung in Gott geworden. Die Welt braucht Trost, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Gewaltlosigkeit, Reinheit, Frieden. Für unseren aktiven Beitrag dazu brauchen wir die Bestärkung von Gott her und die Bekräftigung, dass unser Tun in Jesus nicht umsonst ist. Deshalb ist jeder Gottesdienst eine Art „Firmung“ auf unserem Weg. Der Besuch des Gottesdienstes ist Demut, denn dabei erhalten wir die Kraft zum Dienen im Alltag. Wir dienen weder Strukturen noch Prinzipien, sondern dem Leben, so wie Gott es will und wie es in Jesus Christus offenbar wurde. Er ist der demütige Erlöser. Seine erlösende Demut hat der Welt die Zukunft in Gott, unserem Vater im Himmel, aufgetan. Suchen wir ihn, finden wir alles!



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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