7. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A


Schwäbisch Hall, 20. Februar 2011



Erste Lesung: Lev 19,1-2.17-18

Zweite Lesung: 1 Kor 3,16-23

Evangelium: Mt 5,38-48



Am Anfang des Gottesdienstes haben wir gesungen: „Ich steh’ vor dir mit leeren Händen, Herr“ (GL 621). Jetzt haben wir am Ende des Evangeliums das Kontrastprogramm gehört: Wir sollen vollkommen sein, wie es auch unser himmlischer Vater ist.


Wie verträgt sich das übrigens damit, dass ich schon öfters gepredigt habe: Gott arbeitet mit unseren Fehlern? Gott nimmt uns in Anspruch, obwohl wir fehlerhafte Wesen sind. Auf Englisch: Nobody is perfect!

Aber sollen wir es dabei belassen?


In der Tat braucht das Leben eine Steigerung, damit wir uns nicht zufriedengeben, sondern an neuen Herausforderungen und Aufgaben wachsen, über uns selbst hinaus und Gott entgegen.


Das entscheidend Christliche fürs praktische Leben ist im heutigen Evangelium zusammengefasst und soll uns Anreiz bieten, noch entschiedener Christ zu sein. Wie sagte jemand für das Konkurrenzverhalten in der Geschäftswelt: Man muss entweder unverwechselbar sein oder man ist gar nichts. In seinen eigenen Worten ist hier Jesus Christus einzigartig. Allein – es liegt an uns, dieser Einzigartigkeit Folge zu leisten. Das unverwechselbare Profil der Christen ergibt sich aus den Worten Jesu, die immer noch eine Steigerung zulassen. Es ist ständig notwendig, zu streben und sich zu erneuern.


Das gilt auch für die Kirche insgesamt. Es gibt einen Grundsatz auf Latein: Ecclesia semper reformanda. Das heißt, die Kirche ist eine ständig zu erneuernde – oder: Die Kirche erneuert sich ständig – oder: Ach, möchte doch die Kirche sich ständig reformieren!


Träger des Bestrebens nach Erneuerung sind jedoch immer nur einzelne menschliche Subjekte, sprich Menschen wie du und ich; diese gilt es zu überzeugen. Niemand kann gewaltsam überzeugt werden und jede Überzeugung ist persönlicher Natur, denn sie erwächst aus der Unterscheidung von Meinungen und Argumenten.


In religiöser Hinsicht ist aber jede persönliche Überzeugung etwas Intimes und Heiliges. In diesem Sinn können wir den Apostel Paulus auch verstehen, wenn er sagt: „Der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.“ Diese Aussage bezieht er auf die Einwohnung des Geistes Gottes im Menschen.


Es geht also bei der derzeitigen Diskussion immer auch um die Auferbauung und Ausstattung der einzelnen Gläubigen zum Tempel Gottes. Den Tempel Gottes zu verderben, bedeutet in diesem Zusammenhang, jemand entgegen seiner religiösen Überzeugung über den Tisch zu ziehen – und sei es durch ein Diskussions- oder Medien-Hype. Es kann doch sein, dass einige Mitchristen in bestimmten Fragen noch keine vollständige Überzeugung gewonnen haben. Abgesehen davon, dass man sich Überzeugungen auch erarbeiten muss, sagte neulich eine Bekannte zu mir – und wenn, dann um der Menschen willen und um Gottes willen.


Insofern besteht für kirchliche Amtsträger eine Notwendigkeit zum Dialog. Inhaltlich werden die im Memorandum der Theologen angesprochenen Punkte ja ständig diskutiert. Sie sind also nichts Neues. Neu ist die Forderung nach schneller Umsetzung von Lösungen; die aber müssen in Geduld erarbeitet werden, so dass jeder auch dahinter stehen kann – voller Überzeugung.


Wenn wir zum Vergleich das heutige Evangelium bedenken, das sind ja auch sehr klare und praktische Anweisungen und wir tun uns schwer damit, sie umzusetzen, wobei zweifelsohne die Autorität Jesu aus ihnen spricht – schon seit zweitausend Jahren. Würden wir Christen uns daran halten, möglichst vollkommen, sähe es auf der Welt anders aus. Ein gelebtes ganzheitliches Christentum ist doch das erste und oberste Arbeitsziel jeder Pastoral. Es gab noch nie eine so ausdifferenzierte hohe Zahl von haupt- und ehrenamtlichen pastoralen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die alle Seelsorger bzw. Seelsorgerinnen sein möchten und auch sein können. Ich halte es für gut und richtig, dass es eine hohe Anzahl von aktiven Christen in unseren Gemeinden gibt, die sich das Anliegen von Kirche und Gemeinde zu ihrem Herzensanliegen machen. Gerade inmitten einer lebendigen Gemeinde vermag sich das Profil des geweihten Priesters zu entwickeln – nicht in Abgrenzung, sondern als Ergänzung. Wenn deutlich wird, dass jedes Amt zuerst und vor allem für den Dienst an den Menschen und für den Gottesdienst da ist, gestaltet die sich die Diskussionslandschaft versöhnlicher.


Kommen wir zurück zum Ausgangspunkt. Niemand ist vollkommen, soll aber danach streben, es zu werden. Wir brauchen ein Ziel über den Tag hinaus. Der Focus muss immer zuerst darauf liegen, dass wir uns fragen, was in unserer Situation dem Willen Gottes entspricht. Er hat vollkommene Geduld mit uns – soviel ist klar. Dass wir ganz unvollkommen Geduld haben miteinander, erleben wir oft. Vielleicht sollten wir um der Menschen willen etwas weniger vollkommen sein und das umso vollkommener um Gottes willen. Jeder nehme Maß an sich selber, bevor er die Dinge auf andere überträgt.


Wir können der derzeitigen Situation viel Positives abgewinnen, wenn wir sie als Chance begreifen, uns den Herausforderungen zu stellen und dabei über uns selbst hinauswachsen. Es kann nicht sein, dass die einen leere Hände haben und die anderen volle. Dass aber schließlich Gott selbst unsere Hände füllt, das ist unser gemeinsamer Glaube. Hier stehen wir und können nicht anders – Gott helfe uns in seiner Vollkommenheit.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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