8. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A


Schwäbisch Hall, Vorabendmesse zum 27. Februar 2011



Lesung: Jes 49,14-15

Evangelium: Mt 6,24-34



Gotteskinderstimmung


Die kleine Martha saß mit am Tisch in der großen Runde der Erwachsenen. Das Gespräch ging hin und her und irgendwie fühlte sie sich übersehen und nicht wahrgenommen. Schließlich streckte sie sich nach oben und rief laut: „Martha auch da!“ Sofort erntete sie Aufmerksamkeit und Beachtung seitens der Erwachsenen, die sich über die lauthalse Meldung der kleinen Martha freuten.


Liebe Mitchristen! Kann es nicht sein, dass wir den Kleinen zu wenig Beachtung schenken, dass sie auch da sind bzw. da sein wollen? Wenn wir die Aufmerksamkeit für das Kind gleichsetzen mit der Wahrnehmung Gottes, dann wird die Angelegenheit höchst brisant und aktuell. Aber Gott meldet sich ja nicht so direkt zu Wort. Oder doch?


Jesus hat immer wieder auf die Propheten als entscheidende Autoritäten hingewiesen. Sie waren die waghalsigen Lautsprecher für die leise Stimme Gottes.

Heute haben wir die erste Lesung gehört vom Propheten Jesaja. Sie ist so kurz und schnell vorbei, dass wir sie zweimal vorgetragen haben.

Sie will deutlich machen: Wir sind nicht vergessen! Gott, der Herr, hat uns nicht vergessen. Wie könnte er auch? Hat er doch die eigentliche unbegrenzte Speicherkapazität.


Jesaja veranschaulicht das an einem drastischen Beispiel. Selbst wenn da eine Mutter ihr eigenes Kind vergessen sollte, was ja normalerweise kaum vorkommt, so ist es doch Gott, der aufgrund seines unaussprechlichen Gutseins niemand vergisst.


Unsere Antwort darauf muss mehr sein als nur ein Lippenbekenntnis; sie besteht darin, dass wir unsererseits alles tun, Gott, den Herrn nicht zu vergessen.


Dazu zählt zum Beispiel dieser Gottesdienst jetzt, aber auch unsere Aufmerksamkeit Kindern gegenüber. Bundespräsident Christian Wulff hat neulich bei einer Rede gesagt: Wir brauchen Zuwanderung. Hat er damit nicht auch gemeint: Ihr Kinderlein, kommet, so kommet doch all? Alle Kinder, die unterwegs sind, das Licht dieser Welt zu erblicken – haben wir sie vergessen? Der Staat, die Gesellschaft und die Politik vergessen die Kinder, die noch unterwegs sind, das Licht dieser Welt zu erblicken. Denn die Noch-nicht-Geborenen können sich nicht selber melden und sagen: Auch da! Also ist es unsere Christenpflicht, an sie zu denken und für sie zu sorgen.


Mein Vorschlag: Lassen wir die Kinder zur Welt und dann zu Wort kommen, dann hören wir die Stimme Gottes umso mehr. Ich sehe darin einen wesentlichen und entscheidenden Zusammenhang: Einer Gesellschaft geht es nur dann wirklich gut, wenn es ihren Kindern – vor und nach der Geburt – gut geht. Die Stimmung für das Wohl der Kinder ist das Stimmungsbarometer für Gott. Zuviel Menschen kann es nie geben, denn Gott als Vater sorgt in allem vor. Darin glauben wir Jesus, der uns verbindlich zugesagt hat, dass uns alles dazugegeben wird, was wir brauchen und was notwendig ist, wenn wir nur zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen.


Was quält sich die Politik ab, wenn es um soziale Belange geht?!

Ich frage mich, warum es nicht einfacher geht. Wäre es denn nicht möglich, dass jedem Kind in unserem Land, unabhängig von Religion und Nationalität, eine Grundversorgung zusteht, ausgewiesen als Grundbeträge bezogen auf Grundbedürfnisse? Das ließe sich leicht ausrechnen. Jedes Kind würde über die Erziehungsberechtigten eine solche Grundversorgung bis zum Alter von 18 Jahren erhalten und zwar unabhängig vom Einkommen der Eltern. Denn es geht ja zuerst um das Kind und nicht um die Eltern. Damit wären nachprüfbar die Schwächsten unserer Gesellschaft grundversichert, ganz im Sinne Jesu.


Und selbst wenn Väter ihr Kind oder ihre Kinder vergessen sollten, was ja normalerweise kaum vorkommt, Hauptsache, wir als Kirchengemeinde vergessen sie nicht. Denn wir selbst sind ja auch nicht vergessen. Wir sind von Gott nicht vergessen. Das ist der größte Reichtum. Wir Christen arbeiten gegen das Vergessen: Gott auch da!



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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