Predigt am 4. Fastensonntag, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 3. April 2011



Lesung: Eph 5,8-14

Evangelium: Joh 9,1–41



Hören und sehen, erkennen und anerkennen!


Die Auseinandersetzung um die Person Jesu Christi spitzt sich zu.


Erstens: Die Pharisäer fragen: „Hat er oder haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde?“ Jesu vollmächtige und hoheitliche Antwort lautet: „Weder er noch seine Eltern! Vielmehr soll das Wirken Gottes an ihm offenbar werden!“

Liebe Mitchristen, diese Antwort tut einfach gut, denn damit sind auch andere Unheilssituationen durch Jesus grundsätzlich eröffnet auf das Wirken Gottes hin!

Immer wieder können wir diese Aussage Jesu meditieren – wenn es darum geht, mit persönlichen Unheilssituationen oder Krankheiten umzugehen.

Die Ausrichtung auf Jesus bewirkt Heilung auf ganz unterschiedliche Weise – eben so, wie Gott es will.

Damit sind wir beim Neuen, das Jesus gebracht hatte: das Reich Gottes und seine Gegenwart. Das heißt, Gott ist wirksam da, seine Gegenwart ist wirkmächtig erfahrbar, allerdings absolut gebunden an die Person Jesu Christi.

Deswegen ist die Möglichkeit eröffnet, dass der Tun-Ergehens-Zusammenhang, auf den wir gedanklich so leicht „hereinfallen“ – und doch eigentlich nicht ganz anerkennen wollen – unterbrochen wird! Das einfache menschliche Denken von Ursache und Wirkung wird durch das Tun Gottes korrigiert.


Das Zweite ist das Ergebnis der Heilung durch Jesus. Der vormals Blindgeborene will glauben und zwar an Jesus Christus, an den Menschensohn! Das Ergebnis seiner „Behandlung“ durch den göttlichen Arzt ist das Sehen. Daraus erwächst der Wunsch des Blindgeborenen, den Menschensohn zu sehen. Jesus antwortet: „Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es!“ In der Begegnung mit Jesus entsteht auch bei uns der Wunsch nach dieser neuen Sehkraft.

Wie kommt das? Bei der Geburt erblickten wir das Licht der Welt. Das ist aber noch nicht wirklich das richtige Sehen. Insofern waren auch wir Blindgeborene! Erst als uns die Augen des Glaubens „aufgemacht“ worden sind, wurden wir vollends sehend! Das ist grundsätzlich geschehen bei unserer Taufe. Aber nicht das bloße Getauftsein prägt uns, sondern die Begegnung mit dem Menschensohn. Wir begegnen ihm im Wort des Evangeliums, wenn er uns anredet und mit uns redet. Unsere Ohren können das Wort Gottes „orten und verorten“ aus dem Munde des Mitglaubenden, vor allem hier im Gottesdienst. Unser Blick richtet sich auf Jesus, den Christus, den wir auch in verschiedenen Bildwerken dargestellt finden.


Das Dritte ist nunmehr, dieses Schauen auf Christus zur Erkenntnis ausreifen zu lassen. Wer Jesus hört und sieht und erkennt, kann und darf und soll und muss ihm auf den Weg Gottes folgen. Das ist die eigentliche Sünde: Jesus erkennen, aber ihn nicht anerkennen! Wer die Chance zur Begegnung mit Jesus Christus hat und ihn erkennt, aber ihn nicht als Heiland anerkennt, der versagt sich die Gemeinschaft mit Gott, biblisch gesprochen: Er bleibt in der Sünde.

Deswegen hört das heutige Evangelium so auf: Jesus steht vor den Pharisäern und sie können mit ihm sprechen und ihn sehen und ihn erkennen – und anerkennen ihn nicht. Deshalb sagt Jesus zu ihnen: „Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“


Liebe Mitchristen, Jesus ist uns gegenwärtig – schon seit 2000 Jahren als der Auferstandene mitten unter uns. Seit unserer Taufe auf den Tod und die Auferstehung Christi sind wir nicht mehr blind. Wir können auf Jesus hören und auf ihn schauen. Er spricht uns an und redet mit uns! Sünde ist für uns das Wegschauen und das Weghören. Gottes Gabe an die Welt ist der Menschensohn, durch ihn eröffnet sich das heilsame Wirken Gottes für alle Krankheiten und alle Lebenssituationen. Jetzt, da der Menschensohn uns gegeben ist, ist die Frage nach der Ursache von Sünde nicht mehr von Belang, sondern die Sünde bleibt dann, wenn wir die ausgestreckte Hand des Menschensohnes nicht ergreifen.


Zu den wirklichen Sehenden und Erkennenden gehören wir also erst dann richtig und wirklich und wirksam und prägend, wenn wir dabei bleiben, auf Jesus zu hören, auf ihn zu schauen und ihm zu folgen.



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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