Predigt am 5. Fastensonntag, Lesejahr A

Schwäbisch Hall, 10. April 2011



Erste Lesung: Ez 37,12b-14

Zweite Lesung: Röm 8,8-11

Evangelium: Joh 11,1 - 45



Christus entgegen schlafen


Seltsam! Jesus lässt sich bewusst Zeit: „Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.“

Und sein erster Kommentar auf diese Nachricht lautet: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.“ Diese Verherrlichung geht in eins: die Verherrlichung des Sohnes Gottes und die Verherrlichung Gottes selbst! Diese In-eins-Setzung der Taten Jesu und Gottes selbst ist nicht nur typisch für das Johannes-Evangelium, sondern sie ist auch Ergebnis der zunehmenden Erkenntnis Jesu Christi als Messias.


Wenn der Messias kommt, werden bei seiner Ankunft die Toten auferstehen. Deswegen sagt Marta voller Hoffnung über ihren Bruder: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.“

Die Auferstehung der Toten auf den Zeitpunkt am Ende der Welt zu platzieren, ist also eine gemeinsame gläubige Annahme!

Ist das nicht ein bisschen zu lang bis dahin?

Ist es denn nicht möglich, schon jetzt aufzuerstehen als anteilige Vorwegnahme des Absoluten?

Anders gesagt: Warum kann ich nicht sagen: Ich glaube an das Leben nach dem Tod, weil ich an das Leben vor dem Tod glaube?!

Deswegen sind wir eingeladen, als Christen auf Christus zu hören und ihm zu gehören!


Als „Angehörige“ Christi sind wir schon jetzt aus dem Tod ins Leben gekommen, aus der Finsternis ins Licht. Wenn wir das Leben und das Licht absolut meinen, nennen wir es „ewig“! Das „Ewige“ aber lässt es „absolut“ nicht zu, dass wir es aufteilen; es ist unteilbar!

Es überwindet und verbindet die Trennung von Diesseits und Jenseits; ohne Zwei-fel kommt uns das Ewige unteilbar zu!

Da Lazarus schon vier Tage im Grab gelegen hat, können wir sicher sein, dass bei dieser Geschichte das „richtige“ Gestorbensein gemeint ist. Deswegen hat Jesus gewartet und ist nicht gleich gekommen.


Und jetzt steht er bei Marta. Er lässt sie zuerst aussprechen und ihren Glauben bekennen: „Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben!“ Das sollten auch wir zuerst einmal zu Jesus sagen können. Marta hat es uns vorgesagt: Wir können ihre Worte nachsprechen! Und dann sind wir ganz nahe bei Jesus! Und wir merken, dass er uns hier und heute beisteht! Und dann begreifen wir das hochschwangere Wort Jesu: „Ich bin die Auferstehung!“


Wen dieses hochschwangere Wort Jesu trifft, in dem bricht das ewige Leben durch: „Wer an mich glaubt, wird leben!“ Jesus meint dies ernst und absolut. Wer an Jesus glaubt, ist auferstanden (!) – und ist schon jetzt an der Seite Jesu, das heißt, auf der Seite des unteilbaren ewigen Lebens. Denn im Gegenüber zum göttlichen „Ich bin“ gibt es keine eigentliche Zeit mehr. Doch für uns bleibt das vorübergehende Zeitliche als Voraussetzung des Ewigen.


Die Auferstehung Jesu ist absolut. „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren vor einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen“ (Gal 4,4-5).

Im Gegenüber zu Jesus Christus sind wir also „freigekauft“ vom Tod auf absolute Weise. Diese „Absolution“ kennt keine Zeit mehr, sondern nur noch die Erfüllung des Zeitlichen. Die Absolutheit des Lebens Christi für uns im Sinn der Sohnschaft relativiert Sterben als ein Sterben in die Beziehung Christi hinein.

Nichts anderes ist gemeint, als dass Jesus den tatsächlich gestorbenen Lazarus aus dem Tod heraus zu sich ins Leben ruft, um Gott zu verherrlichen.


Dieser „Besitzstand“ bleibt für den an Jesus Glaubenden gewahrt, denn – wen Gott auf die Gebeine gestellt hat, – wen Gott aufgerichtet hat durch sein ewiges Wort – wie soll er das wieder verlieren?

Der auf diese Weise Beschenkte hat eine neue Freiheit gewonnen. Jesus sagt: „Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“

Die Anbindungen und Verbindungen des Gestorbenseins sind gelöst und erlöst.


Der Christ hat im Glauben an Christus eine neue Freiheit im Umgang mit dem Sterbenmüssen erhalten. Es ist ein neuer Bewegungsspielraum entstanden, durch Christus geschaffen für die Kinder Gottes: Alles schläft – nur!



Pfarrer Karl Enderle, Schwäbisch Hall

 

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